Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

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Kunst und Kartographie in Krieg und Frieden

Am 24. April des Jahres 1581 wandte sich der englische Gelehrte Richard Mul-
caster (1530-1615) in einer dringenden Angelegenheit an seinen Freund, den
Geographen Abraham Ortelius. Er habe, so schrieb er, das Manuskript seines
neuesten Buches vor sich liegen, das er in Kürze dem Drucker zu übergeben ge-
denke. Der Titel des Werkes sei »Elementariae«, »da es alle Dinge befaßt, die
Jungen lernen müssen, bevor sie zur Latein-Schule gesandt werden«.1 Aristote-
les und der Philosophie seiner Zeit folgend, behandelte er neben der Kunst zu
schreiben auch die des Zeichnens.2 Von Ortelius nun wollte er wissen, ob die-
sem ein Buch bekannt sei, das »von den Grundlagen der Zeichenkunst han-
delt«^ Daß er sich mit dieser Frage an einen Geographen wandte und nicht an
einen Künstler, mag verwundern, doch gibt Mulcaster selbst dafür die Er-
klärung: »Ich habe bemerkt, daß Maler, die allein den Pinsel gebrauchen und
nur durch die Praxis etwas von der Geometrie gelernt haben, unfähig sind, mir
meine Fragen zu beantworten.«4 Ortelius jedoch, als gebildeter Geograph und
erfahrener Kartenzeichner, erschien ihm als der richtige Ansprechpartner. Mul-
caster war nämlich der Meinung, daß die Kunst des Zeichnens nicht nur dem
Künstler dienlich, sondern auch für die Wissenschaft von großem Nutzen und
besonders für das Verständnis von Astronomie, Geometrie, Chorographie und
Topographie unerläßlich sei.5

Über ihre Bedeutung für die Wissenschaft hinaus wohnte der Zeichenkunst
jedoch auch ein praktischer Nutzen inne, der gerade das Zeichnen von Land-
schaften für die Erziehung junger Adeliger bedeutsam werden ließ.6 Von der
Praktischen Bedeutung des Zeichenunterrichts legt der um das Jahr 1514 ent-
standene »Weißkunig« beredt Zeugnis ab, jenes monumentale, mit zahlreichen
Holzschnitten geschmückte Buch, das die Erziehung und das Leben Kaiser Ma-
ximilians I. (1459-1519) schildert.7 Held des Werkes ist der König, der als Rit-
ter nicht nur die weiße Farbe trägt, sondern der zugleich auch weise ist und al-
les weiß. Im »Weißkunig« stehen retrospektive Züge, wie die Pflege des Ritter-
tunis, und durch die Erfordernisse der Zeit diktierte Elemente, wie Unterwei-
sung in den Sprachen und Wissenschaften sowie in den Realien, unmittelbar
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