Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

Seite: 161
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/buettner2000/0162
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Chorographie als Dekoration 161

eigenes topographisches Kabinett gab, in dem dreißig Gemälde auf Holz hin-
gen, mit Ansichten von Dörfern des Herzogtums Aarschot. In demselben Raum
befanden sich zudem noch achtunddreißig Leinwandbilder, von denen zwölf
verschiedene Ansichten des Herzogtums Aarschot zeigten, während der Rest den
Dörfern und Städten von Chimay gewidmet waren.174

Das bedeutendste Zeugnis für das Interesse Charles de Croys an der Topo-
graphie seiner Liegenschaften sind jedoch die sogenannten Albums de Croy, in
denen der Herzog seine gesamten Besitzungen verzeichnen ließ.175 Wohl um das
Jahr 1590 hatte er den Entschluß gefaßt, seine Ländereien kartieren zu lassen.
Später ließ er die ursprünglich auf Papier gezeichneten Karten sorgfältig auf Per-
gament übertragen, wobei die aufsichtig gezeichneten Pläne stets durch ent-
sprechende Ansichten begleitet wurden. Auf diese Weise entstanden zwischen
1596 und 1609 mehr als 2500 auf Pergament gemalte Ansichten, die auf 23 Bän-
de verteilt in der Bibliothek von Beaumont aufbewahrt wurden.176

Die Vorbereitungen für dieses gewaltige Werk zogen sich über Jahre hin. Aus-
gangspunkt für die bildlichen Darstellungen waren Kartenblätter, die der Kort-
rijker Landmesser Pierre de Bersacques gezeichnet hatte.177 Seine Karten wur-
den in der Regel durch den Herzog selbst oder durch dessen Sekretär Charles
Millet kommentiert und mit Legenden versehen.178 Zu den Karten gesellten sich
chorographische Geländeskizzen und Ansichten von Dörfern und Städten, die
Charles de Croy ebenfalls annotierte (Abb. 41 ).179 Die in der Regel recht flüch-
tig gezeichneten Geländeskizzen sind meistens nicht mit dem Namen eines Ent-
werfers versehen.180 Jedoch heißt es in einem Brief, den Charles de Croy am 8.
Dezember des Jahres 1600 an den Landmesser Pierre de Bersaques sandte, daß
die »Pläne« von Rotselaar, Haacht und Werchter das Werk eines gewissen Ma-
lers »Aumar« seien.181 Vermutlich standen ihm andere Zeichner zur Seite.182 Es
lag jedoch in den Händen eines einzigen Künstlers, aus etlichen tausend Skiz-
zen und Plänen die besten auszuwählen und sie in Farbe auf Pergament zu über-
tragen: Adriaen de Montigny war Miniaturmaler, der vermutlich in Frankreich
geboren und ausgebildet wurde.183 Obwohl die Croy-Alben sicherlich choro-
graphisch intendiert waren, erlaubte Adriaen de Montigny sich etliche »künst-
lerische Freiheiten«. So verifizierte er seine auf Grundlage der Skizzen anderer
Künstler entstandenen Ansichten nicht durch Besuche vor Ort. Seine Bilder ent-
standen durchweg im Atelier.184 Ein besonders typisches Beispiel für seine Ar-
beit, bietet die Ansicht der Abtei de l'Olive von Morlanwelz (Abb. 42).185
Während die Gebäude recht genau wiedergegeben sind, ist der Hintergrund der
Darstellungen frei nach der Phantasie gestaltet: Montigny zeigt einen dichten
Wald und am Horizont sanfte Hügel.186 Manch einen Bildhintergrund gestal-
tete er gar mit schroffen Bergen aus, die mit der Topographie der Region nichts
zu tun haben. Im vorderen Bildgrund breitet er stets Genreszenen aus, die eben-
falls nicht »naer het leven« gezeichnet sind.187 Nicht selten ist, wie auf der An-
loading ...