Büttner, Nils
Die Erfindung der Landschaft: Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels — Göttingen, 2000

Page: 189
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/buettner2000/0190
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
_. __________________________Schluß_______________________________189

das Publikum nicht mehr allein am Bildgegenstand interessiert war, sondern
zugleich auch an dessen Schöpfer. Die Kunden von Bildern begannen, sich für
einzelne Künstler zu interessieren und versuchten, deren individuellen Stil zu
dokumentieren. Zugleich begann man systematische Sammlungen solcher Wer-
ke anzulegen. Wegen ihrer inhaltlich neutralen Ästhetik gehörten Landschafts-
zeichnungen dabei zu den ersten Sammlerstücken. Das Interesse des Publikums
blieb aber nicht auf gezeichnete Landschaften beschränkt: Die zur Bildwürdig-
keit gelangten Darstellungen der den Menschen umgebenden Natur waren auch
als Gemälde, auf Tapisserien, als Kupferstiche und Holzschnitte gesucht und
wurden teils teuer bezahlt. Für Bruegel, wie auch für die meisten anderen Künst-
ler jener Tage, war es deshalb keine ästhetisch oder philosophisch motivierte in-
nere Entscheidung, sich auf die Landschaftsdarstellung zu spezialisieren, son-
dern die Reaktion auf die Interessen und Wünsche von Käufern und Kunden
auf einem sich rasch entwickelnden Kunstmarkt. Aus diesem »Profitstreben«
erklärt sich die große Zahl niederländischer Landschaftsmaler. Die zentrale Fra-
ge, woraus die Begeisterung des Publikums für derartige Bilder resultierte, die
zur Folge hatte, daß die Landschaft zu einem speziellen Fach der Malerei wer-
den konnte, ist damit nicht beantwortet.

Um die Gründe dafür verdeutlichen zu können, galt es weit auszuholen: Es
•st ein bemerkenswertes Phänomen, daß sich Landschaft genau zu jener Zeit als
Bildgattung etablierte, da man stärker als zuvor begann, die Erforschung der
sichtbaren Welt voranzutreiben und die Geographie und Topographie der Er-
de erstmals systematisch zu erfassen und zu beschreiben.

Antwerpen war um die Mitte des 16. Jahrhunderts nicht nur der größte Um-
schlagplatz für Kunstwerke aller Art, sondern auch das bedeutendste Zentrum
der geographischen Wissenschaft. Unzählige Landkarten, aber auch Bücher zur
Erd-, Länder- und Völkerkunde wurden hier verlegt und gedruckt. Zudem er-
schien in Antwerpen mit dem von Bruegels Freund Abraham Ortelius edierten
»Theatrum orbis terrarum« der erste Atlas. Es ist verschiedentlich vermutet wor-
den, daß das Interesse an der Weltbeschreibung, die schon in der großen Zahl
geographischer Publikationen zum Ausdruck kommt, nicht ohne Auswirkun-
gen auf den Kunstmarkt blieb. Die kunsthistorische Forschung hat diesem Um-
stand bislang jedoch kaum Beachtung geschenkt. Zudem wurde bislang meist
übersehen, daß auch Künstler an dieser Entwicklung Anteil nahmen und einen
Beitrag zu dem leisteten, was man seinerzeit Kosmographie nannte, zur Be-
schreibung der Welt. Ihr Beitrag ging dabei weit über die dekorative Ausstattung
von Landkarten hinaus, die es in diesem Kontext ebenfalls zu berücksichtigen
galt. Von weit größerem Belang ist in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsa-
che, daß etliche Künstler jener Tage sogar selbst als Kartographen aktiv waren.

Wenn mit Blick auf die beginnende Neuzeit von Landkarten die Rede ist, so
muß man sich vor Augen halten, daß heutige Vorstellungen von den Inhalten
loading ...