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Busch, Werner
Die notwendige Arabeske: Wirklichkeitsaneignung und Stilisierung in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts — Berlin: Mann, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.52657#0137
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»Die Kunst darf dem Wahnsinn nicht das letzte
Wort lassen.« (Rosenkranz)

2. Wilhelm Kaulbachs »Narrenhaus«
Man kann sich fragen, was es für einen Sinn haben mag, einen einzelnen, heute relativ
unbekannten Kupferstich eines heute nicht gerade geschätzten deutschen Künstlers des
19. Jahrhunderts ungewöhnlich ausführlich behandeln zu wollen. Als Rechtfertigung für
ein solches Unterfangen läßt sich eine Reihe von Gründen anführen. Da ist einmal die gün-
stige Quellenlage zu nennen. Kaulbachs Biograph Hans Müller hat kein Werk des Künst-
lers so umfassend dokumentiert wie das »Narrenhaus«. Offenbar war 1893, als Müller nach
langen Recherchen den ersten Teil seiner Monographie abschloß - der zweite, geplante, ist
nicht erschienen - das nachgelassene Material zu Kaulbach, insbesondere der Briefwech-
sel, noch um einiges umfangreicher als heute. Dennoch ließen sich Müllers Untersu-
chungen nach Durchsicht des Kaulbach-Archivs in der Staatsbibliothek München an eini-
gen zentralen Punkten ergänzen. Wichtiger) edoch ist die Existenz einer zuerst 1834 in Cot-
tas »Morgenblatt für gebildete Stände« veröffentlichten umfassenden Analyse des Kup-
ferstiches von Guido Görres »nebst Ideen über Kunst und Wahnsinn«. Diese Schrift
erschien 1835 auf Kaulbachs Kosten bei Friedrich Pustett in Regensburg als gesondertes
Büchlein von knapp hundert Seiten mit einem von Kaulbach entworfenen arabesken Titel-
blatt351; es wurde zusammen mit dem Stich vertrieben. 1863 erschien eine zweite ausführ-
liche Interpretation des Blattes durch den Arzt Johann August Schilling in dessen »Psych-
iatrischen Briefen«, sie kam noch im selben Jahr ebenfalls als Separatdruck mit vier Holz-
schnittillustrationen heraus352. Beide Schriften belegen das besondere Interesse am
Thema von Kaulbachs »Narrenhaus«, dessen Entstehungsdatum - 1830/35 - in eine Zeit
fällt, in der die Auseinandersetzungen über den weiteren Gang der noch jungen Psychia-
trie in Deutschland in die entscheidende Phase traten. Es wird sich zeigen, daß Kaulbachs
Kupferstich deswegen solches Aufsehen erregte, weil durch ihn schlagartig die Diskussion
um den Wahnsinn in Kunst, Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften und nicht zuletzt
Politik erhellt wird. Für die Kunst werden an Kaulbachs Graphik zusätzlich die Probleme
der Ikonographie-, Stil- und Gattungsgeschichte in der Zeit um 1830 exemplarisch deut-
lich. Wenn im Arabesk-Kapitel versucht wurde, den Entwicklungsgang einer Gattung

351 Guido Görres, Das Narrenhaus von Wilhelm Kaulbach, gestochen von H. März, erläutert von
Guido Görres, nebst Ideen über Kunst und Wahnsinn, o. O. und o. J. (Regensburg 1835).
352 Johann August Schilling, Psychiatrische Briefe oder die Irren, das Irresein und das Irrenhaus,
Augsburg 1863, S. 387-473; gesondert als: ders., Wilhelm v. Kaulbach’s Narrenhaus, gestochen
von H. Merz, nach Photographie vom K. Hof-Photografen J. Albert, in Holzschnitt bearbeitet im
Atelier von K. Braun und E Schneider in München, erläutert von Dr. med. Joh. Aug. Schilling.,
prakt. Arzt, Augsburg 1863.

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