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Busch, Werner
Die notwendige Arabeske: Wirklichkeitsaneignung und Stilisierung in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts — Berlin: Mann, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.52657#0239
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»Nein, es darf keine Privatleute mehr geben!«
(Gottfried Keller, 1848)
»absit publicum«
(Moritz von Schwind, 1849)

3. Privat und Öffentlich
Der Künstler und die Öffentlichkeit
Dieses Kapitel stellt sich im ersten Teil die Aufgabe, verschiedene Möglichkeiten des
Arrangements des Künstlers mit der Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
zu charakterisieren. Die gewandelte soziale Rolle des Künstlers bringt nicht nur neue Auf-
gabenstellungen, sondern verändert entscheidend auch die traditionellen Gattungen der
Kunst. Dies ist nicht ohne Folgen für den Arbeitsprozeß des Künstlers. Die Skizze und der
Karton, ursprünglich nur bestimmte Stufen im Werkprozeß, können autonom werden, das
heißt, als vollgültige, fertige Bilder gelten. Diesen neuen Gattungen ist der zweite und
dritte Teil des Kapitels gewidmet. Ihr Entstehen wird nur verständlich durch die Zuord-
nung zu den Sozialkategorien privat und öffentlich. Ebenso wie die Künstler ihren Platz in
der Gesellschaft nur finden als Reaktion auf die Neubestimmung von privater und öffent-
licher Sphäre, so ist die Herausbildung der neuen autonomen Gattungen Skizze und Kar-
ton Resultat der gewandelten Sozialstruktur.
Privat und öffentlich
Die Begrifflichkeit folgt Habermas647, das um so eher, als seine zentrale Kategorie der »bür-
gerlichen Öffentlichkeit« am hier interessierenden Zeitraum entwickelt wurde und nur auf
ihn präzise anwendbar ist.
Der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts autonom erfahrende Bürger schafft sich als
Privatmann einen Raum zuerst literarischen öffentlichen Räsonnements, unter anderem
mit dem Resultat von dessen schließlicher Institutionalisierung als Kunstkritik. Dieser
Freiraum dient der Bewußtwerdung des bürgerlichen Individuums. Der Bürger in seiner
durch Eigentum gewährleisteten Selbständigkeit begreift sich als gleichheitsstiftend und
normgebend. Seine Öffentlichkeit auf Privatbasis entwickelt sich zu einem deutlichen
Gegengewicht zur staatlichen Öffentlichkeit und zu Resten der repräsentativen höfischen
Öffentlichkeit, sie gewinnt damit politische Dimensionen. Auf der anderen Seite wird
damit seine Privatheit privater. Die Selbsterfahrung der psychischen Existenz verweist das
bürgerliche Individuum auf den von ökonomischen Funktionen scheinbar freien intimen
Bereich der Kleinfamilie, so sehr er zuerst noch in die Sphäre gesellschaftlicher Arbeit, die

647 Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Untersuchungen zu einer Kategorie der
bürgerlichen Gesellschaft, Darmstadt und Neuwied 91978, bes. Kap. 1 und 2.

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