Eggers, Friedrich [Hrsg.]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 9.1858

Seite: 73
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derts tragen; diese ergeben sich somit als eine Hinzufügung,
welche bei der Umstellung des Werkes vom Jahre 1329 zur
Ausführung gebracht war, und die abweichende Beschaffen-,
heit der übrigen 45 größeren Tafeln läßt die letzteren noth-
wendig als ein Produkt der mit dem Jahre 1181 bezeich-
nten Epoche erscheinen. In der That bildet die konven-
tionelle Richtung des 12. Jahrhunderts auch die entschiedene
Grundlage ihrer stilistischen Behandlung; aber sie entwickeln
sich von solcher Grundlage aus zu einem energisch bewegten
Leben, das, bei manchem auffälligen Ungeschick, bei man-
chem sehr Übertriebenen, die beredteste dramatische Aus-
sprache des Moments zur Erscheinung bringt; sie gestalten
sich bei einzelnen, namentlich weiblichen Gestalten zu den
durchgebildeten Grundzügen eines klassisch geläuterten Adels,
der mit Empfindung auf die Muster der Antike zurückgeht
und in staunenswürdiger Meisterschaft vorweg nimmt, was
etwa erst um ein halbes Jahrhundert später, besonders in
den sächsischen und den toskanischen Bildhauerschulen, zur
umfassenderen Ausbildung gelangen sollte. Das Werk von
Camesina, welches sämmtliche Darstellungen in getreuen
Facsimile's, in Farben- und Golddruck vorführt, läßt diese
Eigentümlichkeiten in allem Einzelnen verfolgen. Es ist
die Bemerkung hinzuzufügen, daß die Heimat des Meisters
Nicolaus dieselbe ist wie die jener Meister, welche Abt
Suger einige Jahrzehnte vorher nach St. Denis berufen hatte.
Im Allgemeinen ist die Behandlung der deutschen und
der französischen Emaillen gleich. Vollständige farbige Dar-
stellungen, mit erhöht stehengebliebenen Metallrändern zwischen
den Farben, sind nicht häufig. Hr. Labarte bemerkt, daß
-dies, als das ältere Verfahren, sich mehr bei den deutschen
als den französischen Arbeiten finde, zumal wenn es sich um
sigurenreiche Compositionen handle; auch kämen bei den älte-
ren deutschen Arbeiten aufgelöthete Zwischenstreifen (nach
Art des byzantinischen Verfahrens) mehrfach vor. In andern
Darstellungen entbehren die nackten Körpertheile der mensch-
lichen Gestalten der Färbung und werden nur durch die
erhöht stehengebliebene vergoldete Kupferfläche, mit gra-
virter und niellirter Zeichnung, wiedergegeben.; nach Hrn.
- Labarle ist auch dies mehr in den deutschen Arbeiten der
Fall. In sehr großer Mehrzahl sind nur die Gründe und
die dekorativen Umgebungen mit Farben versehen und die
ganzen Figuren in der eben angedeuteten gravirten Zeichnung
dargestellt (oft auch ganz, oder nur die Köpfe, reliefartig
erhöht); Hr. Labarte giebt an, daß dies sehr überwiegend
bei den Limosiner Arbeiten der Fall sei; doch findet es sich
auch in Deutschland sehr häufig. Die Tafeln des Altars
von Klosterneuburg sind in derselben Weise behandelt, mit
zwiefacher (theils blauer, theils rother) Niello - Füllung der
gravirten Umrißlinien. Wesentliche Vorzüge der deutschen
Arbeiten vor den französischen bestehen nach Hrn. Labarte
in der'kräftigeren Farbe, dem mehr harmonischen Tone, der
besseren Politur des Emails, in der sorgfältigeren Zeichnung,
in dem reineren Geschmacke und der größeren Mannigfaltig-
keit der Ornamente, — lauter Punkte, die naturgemäß von
der in der romanischen Epoche vorwiegenden Kunstblüthe
Deutschlands bedingt sind.
Mit dem Aufhören des romanischen Styles im Laufe
des 13. Jahrhunderts erlischt die deutsche Emailmalerei.
Deutsches Kunstt-lait. 1858.

Die französische dagegen, die, wie vorstehend bemerkt, über-
haupt erst in der Schlußepoche desselben, welche zugleich die
des Anfanges der französischen Gothik ist, beginnt, bleibt -
fast die ganze Epoche des gothischen Styles hindurch in
Uebung. Namentlich ist hier das 14. Jahrhundert noch
reich an derartigen Produktionen, deren Darstellungen die
zwrlichen Stylmotive dieser Epoche aufnehmen, und deren
Umrisse ziemlich durchgängig mit verschiedenen Farbentönen
ausgefüllt sind.
Wir nehmen von der Schrift des Hrn. Labarte, auf
deren vorzüglichst hervorragende Momente hier allein ein-
gegangen werden konnte, mit warmem Danke für die Be-
lehrungen, welche sie uns geboten hat, und mit der Er-
wartung der weiteren Aufschlüsse, die ihre Fortsetzungen
uns bringen werden, Abschied. Wir fügen nur noch ein
Wort über die bildlichen Darstellungen hinzu, welche dem
Buche beigefügt sind und in gediegenster Weise zur Erläu-
terung des Textes dienen. Außer einem Umrißblatte, das
eine Gesamtdarstellung der Pala d'Oro zu Venedig ent-
hält, bestehen sie durchweg aus farbigen Lithographien: mit
Golddruck: einem Blatte mit ägyptischen, einem andern
mit gallischen Schmuckstücken; einer Darstellung des Teckel-
schmuckes des besprochenen Bamberger Evangeliariums zu
München; der Abbildung einer seltsamen byzantinischen Ar-
beit, der Sammlung Pourtaläs-Gorgier zugehörig, die als
seltne Ausnahme in dem Verfahren der Lmaux eimmpievüs
behandelt ist; der Darstellung eines Märchens im Dome
zu Bamberg, das man Heinrich II. zuschreibt, das jedoch
ohne Zweifel der romanischen Spätepoche angehört; einem
Blatte mit trefflichen Ornamentstücken rheinischen Emails;
eine Bildplatte limosinischen Ursprungs, gleich der vorigen
aus der Gall. Soltykoff, eine farbige Figur auf goldenem
Grunde, von einem farbigen Rahmen umschlossen, darstel-
lend; und einem Blatte mit mehreren, zumeist jüngeren
Stücken französischer Kunst. Alle diese Tafeln sind mit
vollkommenem Verständniß gearbeitet und geben die stylisti-
schen und die technischen Besonderheiten der verschiedenen
Gegenstände mit größter Genauigkeit wieder.
F. Kugler.

Der Hamburger Mnjtterverein und sein Decher.
Der Pokal, zu dessen Beschreibung mit Wort und Bild
das „Deutsche Kunstblatt" sich dargeboten hat, ist gleichsam
ein Geschenk, welches der Hamburger Kunstverein sich selbst
zu seinem 25jährigen Stiftungsfeste gemacht hat. Es sei
daher erlaubt, eine kurze Schilderung dieses Vereins und
seiner Wirksamkeit vorauszuschicken.
Am 19. September 1832 beschloß ein Kreis von 14
hiesigen Künstlern, wöchentlich im „Deutschen Hause" zu-
sammen zu kommen, um „über Kunst und Kunstinteressen
sich gegenseitig zu unterrichten." Damit im geselligen
Verkehr dieser Zweck gesichert sei, wurde bestimmt, daß
der Reihe nach je ein Mitglied der Versammlung irgend
ein eignes oder fremdes Kunstwerk vorzulegen habe; auch
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