Eggers, Friedrich [Hrsg.]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 9.1858

Seite: 76
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res Schutzpatrons der Maler, mit dem deutschen Künstler-
w a p p e n.
Der den Becherkörper unten umschließende kranzartige
Fries mit den herausschauenden Köpfen, welche Hautrelief
in Elfenbein ausgeführt sind, gibt durch diese den Haupt-
theil der Inschrift wieder, welcher der Ehre deutscher Kunst
alter und neuer Zeit gedenkt. Es sind die hervorragendsten
Meister der alteil Zeit und der Gegenwart mit dem Kunst-
beschützer König Ludwig von Bayern in ihrer Mitte. Diese
Medaillons sind durch vergoldete Bänder unter sich und
mit den dazwischen eingefügten Edelsteinen und der far-
bigen Emaille zu einem Kranze vereinigt. So wie dem
ganzen Werke die Zahlen drei und sechs zu Grunde liegen,
so theilt sich auch die Folge dieser Bildwerke: zur alten Zeit
drei gehörig und drei zur neuen Zeit. In einer jeden von
diesen beiden Gruppen sind dann wieder die drei Fächer
der bildenden Kunst vertreten: Baukunst, Bildhauerei und
Malerei. Aus alter Zeit Erwin von Steinbach, Albrecht
Dürer und Peter Bischer, darüber die Wappenschilde von
Straßburg als damaliger deutscher Stadt und Bauhütte,
Cöln am Rhein als ältester deutscher Malerschule, und Nürn-
berg als Bildhauerschule. Aus der Gegenwart der Maler
Peter von Cornelius, dann König Ludwig von Bayern als
Bauherr der neuen Kunst, zugleich die verschiedenen Rich-
tungen der modernen Baukunst, welche sich durch keinen
einzelnen Architekten geben ließen, vorstellend; ferner Christian
Rauch als Bildhauer. lieber dieser Gruppe die Wappen
von Düsseldorf (Cornelius Geburtsstadt), München und
Berlin, die gegenwärtigen drei Hauptstädte der bildenden
Kunst in Deutschland.
Der Deckel gibt durch den burgartigen Zinnenkranz
einen Bezug auf Hamburg und sein Wappen, so wie die
kronenartige Bildung desselben den hohen Beruf der Kunst
veranschaulicht. Die drei Wappenschilde am Zinnenrande
beziehen sich wieder auf jene drei Kunstfächer, und zwar mit
ihren speciellen Zeichen, nach der Zeitfolge ihrer Ausbil-
dung: Baukunst, Bildhauerei und Malerei. Die vorn an-
gehängte Medaille* ist auf die 25jährige Stiftungsfeier des
Vereins geprägt, und trägt an der Vorderseite folgende In-
schrift : Der . Uniul). Xmustlervei-eiir . . anno .
Domini. 1832, welche auf einem Spruchbande den Künstler-
Wappenschild umschließt. Der Deckel und damit das Ganze
wird gekrönt und abgeschlossen durch den Schutzpatron der
Maler, den Evangelisten St. Lucas, mit einer Doppeltafel
(Dixt^ellon) in der Hand, worauf die heilige Jungfrau mit
dem Christkinde. Der Heiligenschein desselben wird gebildet
durch einen alten Hamb. Ducaten vom Jahre 1661 mit der
Madonna als Himmelskönigin und der Umschrift: nve.
xlena . gratia.
Am Untersatz, in gegossener Bronce ausgeführt, ist die
Dreitheilung der bildenden Künste durch Gnomen ausge-
sprochen, welche mit den Wappenschilden oben am Deckel
den Seiten nach übereinstimmend ihre verschiedenen Werk-
zeuge in den Händen halten und das ganze Werk auf ihren
Schultern tragen.

Die Arbeiten zur Herstelluug des Bechers sind außer
den Theilen, welche in getriebener Silberarbeit'* ausgeführt
und aus der Werkstatt des Gold- und Silberschmie'hes F-
Sohrmann (1 1857) hervorgegangen sind, sämmtlich von
Mitgliedern des Künstlervereins beschafft. Die Erfindung
und Zeichnung, sowie die Leitung der Ausführung von dem
Maler Martin Gensler. Die Modelle für die gegossne
Silberarbeit, sowie die sechs Hautreliefs-Köpfe von dem
Bildhauer Franz Schiller (1 1857). Gußarbeit und Cise-
lirung von dem Erzgießer Georg Schultz. Die Modelle
für den Untersatz mit den Gnomen von dem Bildhauer
Ernst Vivie. **
Die Höhe des Pokals ohne den Untersatz beträgt 2' 5"
Hamb. Maß, der Durchmesser am Deckel und am Fuß 6(5".
Das Gewicht an Silber 14 MF. 14 Lth. Das Silber ist
14löthig. Der Untersatz 8" hoch, also das ganze Werk 3" 1"."
Ich möchte diesem Bericht nur noch ein kurzes Wort
hinzufügen. „Wir haben der Ehre deutscher Kunst alter
und neuer Zeit dabei gedacht", sagt die Inschrift am Fuße
des Bechers, und das beweisen nicht bloß die Häupter, welche
ihn zieren, sondern das bewährt das Werk in sich selbst am
besten. Es ist einer von den nicht seltenen Beweisen, daß
die echte Art deutscher Kunst, wie sie in den schönsten Zei-
ten unsers Volks, in den Zeiten höchster Blüthe des bür-
gerlichen Lebens getrieben wurde, nach langer Vergessenheit,
in neuer Zeit wiedererstanden ist; daß zugleich mit den Tra-
ditionen jener damals im ganzen Volke lebenden Kunst, zu-
gleich mit ihren ureignen und unvergänglichen Formen auch
ihr Sinn und ihr Charakter nicht verloren gegangen ist.
Gediegenheit vom ersten Entwurf an bis zum letzten
Strich der Ausführung, tiefer Sinn und klarer Ausdruck des
Gedankens, Harmonie und Consequenz, wie sie nur aus
warmer Empfindung und aus Freude am Werk erwachsen
kann: das sind die Eigenschaften, welche dieses Kunstwerk
auszeichnen.
In seinen Hauptformen, durch den Gesammteindruck
spricht es sogleich an; das prüfende Auge merkt ihm bald
ab, daß es zu den „Je länger je lieber" der echten Schön-
heiten gehört. Und so ist der Becher durchaus dazu ange-
than, daß er bei den wöchentlichen Zusammenkünften des
Vereins gebraucht werde; nicht bloß, weil seine dauerhafte
Arbeit die Abnützung nicht fürchten läßt, sondern darum auch,
weil er den Betrachter nie ermüden wird.
Wir freuen uns der Abbildung, welche das Kunstblatt
liesert: wie gut aber der Becher selbst im Gebrauche sich
i ausnehme, davon werden sich fremde Künstler am besten
überzeugen, wenn sie, das Gastrecht des Vereins benützend,
seine Versammlungen am Sonnabend besuchen.

st

* Der Becherkörper ist aus Einem Stücke getrieben.
** Die Zeichnung des beigegebenen Holzschnittes ist von Julius
Schnorr in Stuttgart und die Ausführung desselben aus dem Atelier
von Allgaier und Siegle daselbst. -Anm. d. Red.

* Erfunden und gezeichnet von H. W. Soltan, gravirt von
H. Lorenz.
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