Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 40.1917

Seite: 327
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LEOP. DORM-
DACHAU.
»HERKEN-
BILDNIS«-

ZU DEN WERKEN VON LEOPOLD DURM.

Alle jüngeren Bestrebungen unserer Malerei
stimmen darin überein, das Kunstwerk
möglichst weitab vom Wirklichkeitsbilde aus
geistigen Elementen, aus rein ästhetisch wirk-
samen Faktoren aufzuerbauen. Es liegt dabei
in der Natur der Sache, daß ein Einschlag rea-
listischer Kunstgesinnung auch den mit Bewußt-
sein, ja mit Leidenschaft stilstrebigen Gebilden
der Jüngeren nicht fehlt, außer es handle sich um
die unkontrollierbaren Ausbrüche einer höchst-
gesteigerten Künstlersubjektivität, die uns ent-
weder überzeugt oder abstößt, ohne daß im einen
wie im anderen Falle die Möglichkeit geboten
wäre, diese Wirkungen begrifflich zu begründen.

Leopold Durm verlangt in dieser Beziehung
gewiß nichts Unmögliches von uns. Was an
seiner Kunst außergewöhnlich ist, gründet im
natürlichen Entwicklungsgange der heutigen Ma-

lerei, die von der Wirklichkeitsstudie zum Bilde,
vom zerfließenden Farbeneindruck zur festge-
fügten geschlossenen Form zurück will. Das
geht nun einmal nicht ohne ein gewisses geist-
beherrschtes Maß von Gegenständlichkeit, von
Wirklichkeitsnähe, und so stellen uns Dürrns
Bildnisse mit einem unumgänglichen, wie wohl
niemals unterstrichenen Maße von Psychologis-
mus Menschen vor Augen, nicht hieroglyphi-
sche Formeln von Seelen in jener gezwungen-
nüchternen Abstraktion des rein Malerischen,
das es in der Ausschließlichkeit, in der es heute
so gerne verlangt wird, niemals gegeben hat und
wohl auch nie geben wird. Ein deutlicher Fort-
schritt zur reinen, rein sachlichen Wirkung ist
da freilich der bei den Frauenköpfen betätigte
Verzicht auf die fast ausschließlich psychologi-
sche Geste, die wir bei dem auf S. 327 wieder-

XX. Sepieniber 1917. 1
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