Fliegende Blätter — 69.1878 (Nr. 1719-1744)

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74 Ungeschoren.

„Verzeiht!" rief sie, „wenn ich Euch sag'.

Daß ich Euch jetzt erst recht nicht mag!"

Und viel geschwinder, als sie kam.

Die Spröde wieder Reißaus nahm.

Und Jahr für Jahr von hinnen rann.

Stets borst'ger ward der junge Mann,

Der, ohne Waschung, ohne Schur,

Getreulich hielt der Liebe Schwur.

Vergessen hat die Maid ihn bald;

Da ward einmal gejagt im Wald —

Ein Speerwurf rafft den Jüngling hin,

Für eine — Wildsau hielt man ihn. —

Und die Moral von der Gcschicht':

„ O junger Mann, verlieb' dich nicht!

Und wenn auch, willst dn glücklich sein,

So gleich' in nichts dem wilden Schwein!"

_ M. Ul.

Herr und Diener.

Bon Ludwig Kalisch.

(Fortsetzung.) '

III.

Dem Wunsche des Verstorbenen zufolge sollte sein Leichnam
in aller Stille bestattet werden; daher wurde auch Niemand
znr Beerdigung eingeladen. Die Familie Trübich aber schloß
mit Recht, daß der Leicheuzug deßhalb um so größer sein würde;
das Familienhaupt müsse sich also bestreben, im Leichenzuge der
Erste zu sein und so vor der Welt als Leidtragender zu erscheinen.
Obgleich nun Leonhard Trübich bereits anderthalb Stunden vor
der Beerdigung sich vor dem Hause des Verewigten einfand,
war er dennoch nicht der Erste. Er sah vielmehr zu seinem
nicht geringen Leidwesen, daß sich dort mehrere Erbschafts-
nspirauten, ebenso wie er, in tiefstem Traneranzug eingefunden
und sich über den Grad ihrer Verwandtschaft mit dem Heim-
gegangenen und über dessen Testament unterhielten. Ihre Zahl
nahm nach und nach so beträchtlich zu, daß sic wie eine dichte
Rabenschaar die Straße füllten. Endlich wurde der Sarg aus
dem Hause gebracht und etliche Dutzend mehr oder minder
weiße Schnupftücher flogen ans den klaffenden Frackschößcn und
bedeckten die in Trauerfaltcn. gelegten Gesichter. Dicht hinter
dem Sarge ging der treue Ama, der Einzige, dem die Trauer
im Herzen saß, und der dieselbe mit ebenso viel Anstrengung
zu verbergen suchte, als die Anderen sie zur Schau trugen.
Es war das erste Mal, daß er hinter seinem Herrn cinhergiug,
ohne ihm den rothseideuen Regenschirm nachzutragen. Seine
Züge waren wie eingefroren. Er starrte beständig nach der
Todtcnlndc, und nichts bewegte sich an ihm als die unendlichen
Beine, während von den langen Armen die langen Hände wie
die Zweige einer Trauerweide schlaff herabhingen. Die übrige
Begleitung fast um eine Kopfhöhe überragend, schien er eine
aus der Schnttcnwelt abgesendete Gestalt, und man konnte ihn
kaum ansehen, ohne sich eines unheimlichen Gefühles zu erwehren.
Nur als man seinen Herrn in die Gruft senkte, verzog sich sein
Gesicht und verrieth eine mit aller Gewalt unterdrückte Aeußer-

Hcrr und Diener.

nng des Schmerzes; und als er die Schaufel ergriff, um die
letzte Erdscholle auf das Grab zu werfen, zitterten seine langen,
dürren Hände, und sein ganzer Körper zuckte einen Augenblick
zusammen.

Einsam und ohne ein einziges Wort zu reden, ging er
nach Hause zurück, wo ihm wie flammende Augen die rothcn
Siegel an den Thüren entgegen grinsten. —

Bei der Rückkehr vom Kirchhofe wurde Trübich, noch bevor
er den umflorten Hut abnahm und die angeschwärzten hirsch-
ledernen Handschuhe auszog, von seiner Gattin und Tochter
mit tausend Fragen über die Zahl und Zusammensetzung der
Leichenbegleitung sowie über deren Gespräche bestürmt. Der
Gatte und Vater beantwortete diese Fragen mit der Bemerkung,
daß man von allen Seiten versichere, der Verstorbene habe ein
sehr ausführliches Testament hinterlassen, in welchem seine Ver-
wandten bedacht worden; die Zahl der Verwandten sei aber
nicht unbeträchtlich.

„So viel ich weiß", bemerkte Frau Trübich, „ist Niemand
näher verwandt mit ihm als ich."

„Darüber wäre noch mancherlei zu sagen", versetzte ihr Gatte.

„Du hast immer mancherlei zu sagen", grollte seine Ehe-
hälfte; „Du sprichst immer nur, um zu widersprechen. Das
ist einer Deiner vielen Fehler, die mir das Leben sauer machen."

Und da sie just von seinen Fehlern sprach, zählte sie ein
volles Dutzend derselben auf; und sie wollte eben ein zweites
Dutzend beginnen, als Julie, welche bei allen Streitigkeiten
zwischen ihren Eltern das Schiedsrichteramt versah und niemals
verfehlte, beide Parteien zu verurtheilcn, folgendermaßen anhub:

„Dieser Wortstreit führt zu nichts. Die Hauptsache ist,
daß ein Testament vorliegt und daß er in demselben seine
Verwandten nicht vergessen. Muß er denn'jeden Verwandten
gleich reichlich bedacht haben? Ist es nicht vielmehr auznnehmen,
daß er, ein so gescheidtcr, gerechter, umsichtiger Mann, sie nicht
nach dem Grade der Verwandtschaft, sondern nach ihrem wahren
Werthe geschätzt und sic nach dem Grade dieser Werthschätzung
bedacht habe? Und hat er denn seinen anderen Verwandten
solch' lebhafte Beweise seiner Theilnahme gegeben tvie uns?
Warten wir also die Eröffnung des Testamentes getrost ab!
Eine innere Stimme sagt mir, daß er uns nicht vergessen."

Wie immer unterwarfen sich die Eltern der Ansicht ihrer
Tochter, deren innere Stimme sich ihnen mittheilte. Das
Familienkleeblatt setzte sich voll heiterer Hoffnung an den Tisch
und sprach an demselben ausschließlich von den Plänen, die sie
nach Antretung der Erbschaft znr Ausführung bringen würden. —

IV.

Kurz nach der Beerdigung Wolkcnreichs erhielt Trübich
die sehnsuchtsvoll erwartete Einladung, sich zur Testaments-
eröffnung in die Wohnung des Notars Gotthelf Zwickhart zu
begeben. Lothar Hamberg saß just an der Seite seiner Braut,
als das Schreiben eintraf. Dasselbe wunderte nun mehrere Make
durch sämmtlichc acht Hände, und Julie ward nicht müde,
triumphirend zu behaupten, daß sie von ihrer inner» Stimme
nicht getäuscht worden. Die Eltern gönnten ihr gern den
Triumph, und was ihren Zukünftigen betrifft, so wurde er
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