Fliegende Blätter — 69.1878 (Nr. 1719-1744)

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Der Kaffeekrieg in Paderborn.

Wohlgefallen, womit heute dem verpönten Getränke Ehre an-
gethan ward. Auch die Trinker waren heiter, und die Weiblein
kicherten, und die Kinderchen klatschten jubelnd in die Händchen,
und über dem Allen lächelte die holde, milde Sonne, mit ihren
erfreuenden Strahlen das lebensvolle Bild umschmeichelnd.

Aber Einer lachte nicht; Einer hielt die Hand an die
Stirne, damit ihn die garstige Sonne nicht blende, damit seine
grüngelben Augen es genau sehen könnten, welcher Hohn ihm
angethan wurde; dies war Herr Cyprian Schwips, der jetzt
aus der Treppe vor dem Rathhause auftauchte und giftig das
Ganze überschaute. „Schwips! Da ist Schwips!" riefen die
Vordersten, die ihn erkannten. „Schwips!" ging es bald durch
die ganze Menge; Einige erhoben sich, schwenkten die Tassen,
und allgemein erscholl der Ruf: „Schwips hoch! Schwips soll
leben!" Und lachend trank man ihm zu. Der Gcheimkanzlist
i aber ballte die knöcherne Faust und entschwand, indem er krächzte:
„Wartet, das sollt Ihr büßen!"

Von Neuem waren soeben die Tassen gefüllt, neue Kuchen-
thürme umhergereicht, als die Straße, die vom Schlosse nach
dem Markte führte, vom Tritte militärischer Colonnen erbebte;
eine Trommel schlug, ein Horn ließ sich hören. Erstaunt wandten
sich die Kaffeetrinker um; bald erschienen denn auf dem Markte
Herr Pampilius und Herr Hans Wetteck an der Spitze ihrer
Schaaren; Herr Pampilius machte ein furchtbar verdrießliches
Gesicht, während Hans Wetteck mit neugierig-munterem Auge
die bunte Scene betrachtete. „Den Markt umstellen!" kom-
mandirte Herr Pampilius, und bald waren alle vier Seiten
des Marktes von den Truppen eingeschlosscn. Dann trat Herr
Pampilius vor und sprach mit vernehmbarer Stimme: „Nach-
dem fürstbischöfliche Gnaden mit unendlichem Bedauern von der
widerspenstigen Haltung der Bürgerschaft Paderborns Kenntniß
bekommen, haben mich fürstbischöflichc Gnaden beauftragt, sothane
Bürgerschaft zur Raison zu bringen! Ich fordere dcßhalb im
Namen Sr. fürstbischöflichen Gnaden alle guten Bürger auf,
nach Hause zu gehen und sich den Befehlen Sr. fürstbischöflichen
Gnaden zu unterwerfen!" Herr Pampilius nahm nach dieser
Anstrengung den Helm ab und trocknete sich den Schweiß von
der fetten Stirne, welche Prozedur die Heiterkeit einiger nahe-
stehenden Knäblcin erweckte. Heiterkeit wirkt ansteckend, und da
gerade an anderen Orten die kaffeeschnüsfelndcn Nasen und
kuchenlüsternen Gesichter vieler fürstbischöflicher Leibgardisten eben-
falls den Respect der zunächstsitzenden Gesetzesverächter bedeutend
geschwächt hatten, so kam es, daß gar bald ein allgemeines
Gelächter dem Herrn Pampilius um die Ohren scholl.

Er stutzte. Auf Lachen war er nicht gefaßt! Er wollte
von Neuem reden; ein verstärktes Gelächter schnitt ihm das
Wort ab; schon mußten sich die Soldaten alle Mühe geben,
um nicht ebenfalls mit in die allgemeine Heiterkeit einzuftimmcn.
Höchst ernsthaft winkte Herr Pampilius dem Lieutenant Hans
Wetteck, um mit ihm über das Weitere zu berathen; er wußte
nicht, ob er nun Gewalt brauchen dürfe und solle, und Herr
Hans Wettcck strich sich gleichfalls verlegen das kurze Schnurr-
bärtchen. Während sie so noch Kricgsrath hielten, trat plötz-
lich aus einem naheliegenden Hausflur Aennchen Brenner, des

Kaffeesieders Töchterlein; sie hielt ein silbernes Präsentirbrett,
und auf demselben prangten zwei riesengroße Tassen, gefüllt mit
dem schwärzesten, wunderbar duftenden Kaffee.

„Damit den gestrengen Herren die Kehl' nicht gar zu
trocken wird vom vielen Reden," meinte das hübsche Mädchen
mit schalkhaftem Lächeln, „bitt' ich gar schön, daß sie einen
freundlich gebotenen Trunk nicht verschmähen!" — „Himmel-
kreuz — doch nein, heute ist ja Sonntag," meinte Herr Pam-
pilius, „was soll das heißen, Jungfer Brenner? Ist Sie nicht
klug? Uns, den Werkzeugen der Obrigkeit, spotten zu wollen?"

— „Das sei fern von mir," meinte Aennchen fröhlich, „aber
da- doch nun einmal aller Kaffee confiscirt werden soll, so könnten
ja die gestrengen Herren mit diesem hier den Anfang machen!"

— Pampilius stutzte wieder. „Sic hat nicht Unrecht, Wettcck;
was meint Ihr, wenn wir die Sache von dieser Seite auf-
faßten? Ja, ja, das Zeug riecht ohnehin verzweifelt gut, viel
besser, als der Kaffee von meiner Bärbel; nun, so gehe Sie
her, Jungfer Aennchen!" Damit ergriff er eine Tasse und
mit zierlicher Verneigung präsentirte Aennchen Herrn Hans
Wetteck die andere; der nahm sie ohne langes Besinnen, denn
seine Besonnenheit war überhaupt weg. Als das liebliche Mädchen
die wundersamen schwarzbraunen Augen zu ihm aufschlug, da
war cs um Herrn Hans Wetteck geschehen; ein Rest von Prosa
in seiner Seele stellte noch schnell einen Vergleich zwischen der
Farbe von Aennchcns Augen und der des Kaffees an, dann
aber erfüllte sein Herz mit namenlosem Entzücken die viel hoch-
poetischere Vergleichung Aennchens mit einem herzigen, süßen
Engel, dessen Besitz allein ihm den Himmel auf Erden bringen
könnte. Traumverloren sah er sie an, und das Mägdlein, ob-
wohl es die Augen gesenkt hatte, mochte den Blick des schmucken,
jungen Herrn fühlen, denn es erröthete tief, und das Präsentir-
brett in der Hand gerieth in leichtes Zittern. Von Seligkeit
erfüllt, schlürfte Herr Wetteck endlich seinen Kaffee, hatte aber
jedenfalls weniger reellen Genuß davon, als Herr Pampilius,
der vergnügt mit der fetten Zunge schnalzte und dem Getränke
alle Würdigung eines Kenners angedeihen ließ. Als dann aber
die beiden Gewaltigen dem Aennchen die Tassen zurückgegeben
hatten, und ihr Blick wieder den Markt streifte, ach — —
da fanden sic, daß bös' Beispiel auch die herrlichste Manuszucht
verdirbt: mitten drinnen, zwischen Bürgern und Bürgerinnen,
umjauchzt von fröhlichen Kindern, saßen die trefflichen Kriegs-
knechte Sr. fürstbischöflichen Gnaden und vertilgten mit unend-
lichem Behagen die Reste von Kaffee und Kuchen, die sich auf
den Tafeln befanden. Betroffen stand Herr Hans Wettcck — die
Größe seiner Pslichtversäumniß kam ihm plötzlich zum Bewußt-
sein. Herr Pampilius aber focht verzweifelt mit dem Degen in
der Luft herum und gebot Ordnung; aber wenn auch einige
der Soldaten ihm hätten gehorchen wollen, die Ankunft neuer
Kannen voll frischen Kaffees und weiterer Teller voll Kuchen
erstickte das bereits ersterbende Pflichtgefühl in der meuterischen
Rotte vollständig, und voll Gemüthsruhe kauend und schluckend
sahen die genußsüchtigen Söldlinge zu, wie ihr Oberhaupt wüthend,
wie von einer Tarantel gestochen, auf dem Markte herumsprang
und zum Trotz des Sonntags Tod und Teufel auf sie herabfluchte.
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