Furtwaengler, Adolf ; Reichhold, Karl
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder (Serie III, Text) — München, 1932

Page: 117
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TAFEL 141

AUSSENBILDER DER EUPHRONIOSSCHALE TAFEL 5

THESEUSTATEN

©riCeuq xa\oc„ Theseus ein schöner Knabe, steht auf einem attischen Kelchkrater in Petersburg
(Arch. Anz. ig 12 S. 107), der im letzten Jahrzehnt des sechsten Jahrhunderts entstand. Ein schöner Knabe
als Held und König, als Hort und Retter des Vaterlands: so feierte ihn auch Bakchylides, Ticnba 7Tpco&nj3ov.
Von der Jugend das Heil. Ein wundervolles Bild, das die spätarchaische attische Kunst und Dichtung
dem dorischen Heraklesmythos voll Stolz zur Seite setzte.

In diese Wandlung der Theseussage fuhrt unsere Euphroniosschale mitten hinein, man versteht
sie nicht, wenn man nicht das Neue an ihr begreift, nicht einen Blick auf das wirft, was vorausging.
Theseus war ja von Haus aus gar kein Athener, Im alteren Epos war er Lapith und zwar einer
von vielen (Ilias I 265 = Hesiod Schild 182, vgl. dazu Taf. u/12 dieses Werkes), sonst kennt
die ältere archaische Zeit noch Helenaraub und Hadesfahrt (gemeinsam mit Peirithoos) und vor
allem Kretafahrt, Befreiung der Minosopfer, Entführung der Ariadne. Die ältesten bildlichen Dar-
stellungen zeigen den Minotaurustöter und Entführer der Ariadne, aber nicht den Erlöser Athens,
sondern den argolischen Helden, den wir aus der Wanderungssage erschliessen müssten, auch wenn
ihn Denkmäler dieses argivischen Kunstkreises und davon abhängige nicht so deutlich machten.
Im Gegensatz zum sechsten Jahrhundert erscheint der Held bartlos, getreu dem alten abstrakten Körper-
ideal, das in dieser Gegend und zu dieser Zeit den plastischen sog. Apollotypus ins Leben rief.
Korinthische Goldplättchen (Arch. Ztg. 18S4 Taf. 8; Röscher s. v. Theseus Sp. 699), die korinthische
Schale Furtwängler, Coli. Somzee Taf. 43, das Cornetaner Steinpelrelief und die Polledrarahydria
(Röscher a. a. O.) sind Zeugen dieser frühgriechischen Bildung der Theseusgestalt, die mit der Sage
vom Knaben Theseus noch nichts zu tun hat und die ich im Gegensatz zur jüngerarchaisch-attischen
die frühdorisch-abstrakte nennen möchte. Noch in der korinthischen Kunst wächst dem Helden der
Bart. Wie ihn die Kypseloslade dargestellt hat, wissen wir zwar nicht, aber Bronzebeschläge wie
der aus Agina (Furtwängler Taf. 113, 3) zeigen ihn bärtig, auch der korinthisch beeinflusstc Skyphos
Rayet im Louvre (Gaz. arch. 1S84 Taf. 1) und ebenso die von Zahn in der Berl. philol. Wochen-
schrift 1902 Sp. 1264 für euböisch erklärte Vase des Louvre F. iS (Pottier III S. 719), von der die
gleiche Abhängigkeit behauptet werden darf. Der Skyphos Rayet umgibt den Helden, wie ein gleich-
zeitiges Gedicht der Sappho (Fragm. 144 Bergk), mit den vierzehn befreiten Opfern; weder denen des
Skyphos noch des Gedichts kann attische Nationalität sicher nachgewiesen werden.

Allerdings müssen spätestens um diese Zeit, im ersten Drittel des sechsten Jahrhunderts, die Athener
sich den Freund des Peirithoos und den Kretafahrer angeeignet haben1). Bärtig zog die Gestalt des
Helden in die attische Kunst ein: so stellt ihn die tyrrhenische Amphora des Louvre E850 (Pottier
Taf. 59) neben die befreiten Knaben und Mädchen, so muss auch noch die Francoisvase (Taf. 11
bis 13) den Lapithen und Entführer Ariadnes vorgeführt haben. Erst auf den Kleinmeisterschalen
und verwandten Gefässen, zu der Zeit als die ttcuoec xa,\oi im athenischen Leben und auf den attischen
Vasen in den Vordergrund drangen, kehrt man zur jugendlichen Bildung des Theseus zurück. Der
verjüngte attische Held wird das Gegenstück des bärtigen Dorers Herakles. Gegen das Ende der
Tyrannenherrschaft mehren sich die Anzeichen dieser Rivalität derart, dass man an eine politische
Beeinflussung der Sagenbildung durch die Pisistratiden, die sich ein mythisches Prototyp schaffen
wollten, geglaubt hat; aber ebenso könnte man die neue Entfaltung des Mythos der Opposition zu-
trauen, die den wahren Volkskönig Theseus gegen den Gewalthaber ausspielen wollte und in den
ersten Jahrzehnten ihres Sieges zur Verherrlichung des Helden mehr beigetragen hat als irgend eine
andere Zeit, vielleicht traf auch beides zusammen. Dem Erleger des kretischen Stiers wurde der des
marathonischen gegenübergestellt; recht viel ältere Beispiele als die schwarzfigurige Augenschale aus
Cypern I. H. St. 1891 S. 31 r, die spätschwarzfigurige Lekythos Mon. Line. XVII Taf. 28 oder die
frührot figurigen Schalen des Mus. Gregor.II Taf. S2, 2 und der Vente E., Paris 1904, Nr. 247 dürften wohl
nicht aufzufinden sein. Die Kachrylionschale London E 41, die spätschwarzfigurige Amphora München
I.7 (Furtwängler, Ägina S. 322), der Giebel von Eretria und die Metopen des Athener Schatzhauses
verweben den Helden in die Amazonensage. Das Innenbild unserer Schale bringt die Meerfahrt; das

> Wenn der spütgeometrische Krater aus Theben, Journal zeiclicu der Ariadne wäre (Robe«, Archnol. Hermeneutik,

of bell, stndies 1S99 Taf. 8, sich ais attisch erweisen Hesse S. 38), dann stünde ein neben dem truienischen hergehender

und der Kran?, in der Hand der Frau ein untrügliches Kenn- attischer MinotaurostolcrTheseus schon für die Zeit um 700 fest.
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