Furtwaengler, Adolf ; Reichhold, Karl
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder (Serie III, Text) — München, 1932

Page: 211
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TAFEL 151

LAKONISCHE SCHALE IN PARIS

ARKESILAS

Die Arkesilasschale' ist vielleicht die köstlichste Probe archaischer Erzählerlust, die uns erhalten
ist, von unmittelbarer Wirkung auf den Beschauer. Trotzdem gibt ihr Inhaltliches Ratsei genug auf-
Wir wagen kaum, über den Grundton zu entscheiden, über die Frage, ob hier ein Kyrenäer sachlich
und anschaulich seinen König verherrlicht oder ob etwa ein Lakoncr, der drüben gewesen ist, den
Silphionkönig mit leichtem Humor verewigt hat. Die andere Frage, wie überhaupt dieses Unikum
von Darstellung entstand, lässLsich zum Glück noch beantworten: Das ganze Bild ist ein Agyptizisraus.
Man hat schon längst erkannt, dass der Affe auf der Rahe nichts anderes ist als ein lebendig gewordener
Nachfahre des affengestaltigen Thot, der als Bestandteil der ägyptischen Wage auf der Mitte des
Wagbalkens thront; dass er noch ungefähr in dieser Gegend sitzt, ist ein Beweis dafür, dass unser
Maler den ägyptischen Äffen für ein lebendes Tier, das auf der Wage sitzt, gehalten hat. Für das
ganze Wägebild mit dem thronenden Herrscher hat man an die ägyptischen Bilder der Seelenwägung
erinnert, denen Osiris unterm Baldachin beiwohnt; auch das ans Stuhlbein gebundene Raubtier wird
von ägyptischen Vorlagen stammen (Keller, Antike Tierwelt S. 86). Ja, für das ganze zweireihige
szenenreiche Bild darf man die beliebten ägyptischen Reihenbilder aus dem Handel und Wandel der
Grossen des Landes verantwortlich machen, und man kann sagen, was uns als frischer, unmittelbarer
Bück in das Hafenleben von Kyrene anmutet, wäre nicht möglich geworden, wenn der griechische
Maler nicht ägyptische Wandbilder gekannt und auf seine originelle Weise umgedeutet hätte; ähnlich
wie etwa der naukratitische Maler unserer Hydria Taf. 51 den Massenbezwinger Pharao auf seine
Weise verstand. Über den Ort, an dem das Bild entstand, ist damit nicht soviel ausgesagt, als es
scheint. Aber da wohl noch auf einer zweiten lakonischen Schale das Silphium erscheint und eine
dritte (Abb. 102) unzweifelhaft die löwenbezwingende Nymphe Kyrene vorführt, so muss diese dorische
Kolonie irgendwie, sei es als Filiale, sei es als Handelszentrum, mit der lakonischen Gefassfabrik
verbunden gewesen sein.

Die höchst persönliche Gegenwart des inschriftlich bezeichneten Königs Arkesilas leistet nicht nur
der Genauigkeit des Silphionwägens, sondern auch der Vasenchronologie die wertvollsten Dienste.
Da nämlich sowohl Arkesilas L, der im ersten Viertel des Jahrhunderts regiert hat, als auch Arkesilas IV.,
der Zeitgenosse des Pindar, aus Gründen des Stiles ohne Weiteres ausscheiden, haben wir zunächst
nur die Wahl zwischen dem zweiten und dritten Träger des Namens. Der dritte ist, wenn wir der
Überlieferung trauen dürfen; in den fünfziger Jahren des 6. Jahrhunderts, nach dem Tod seines gleich-
namigen Grossvaters geboren und in den dreissiger Jahren auf den Thron gekommen ; der zweite muss
(was für das Gründungsdatum von Kyrene nicht unwichtig ist) etwa um 600 herum geboren sein und
kann sein scharfes Regiment, das ihm den Beinamen des Strengen und ein jähes Ende eintrug, nur
nach dem Tod seines um 570 noch wirksamen Vaters Battos des Reichen und vor der Volljährigkeit
seines Sohnes, des Vaters Arkesilas III., also mit wenig Spielraum nur etwa in dem Jahrfünft 565—560
geübt haben. Trotz des eigenartigen und konservativen Wesens der lakonischen Kunst können wir
die Entscheidung treffen. Die Arkesilasschale kann nicht um 530 — 520, im Beginn der rotiigurigen
Maleret gemalt sein, denn sie und ihre Gruppe (die Bankettschalen in Paris und Brüssel, die sNymphen-
schale« aus Samos, die »Affenschale« aus Sparta, die Pariser Zeusschale) zeigen gerade in Technik
und Zeichnung echt altertümliches Leben, im Gegensatz zur folgenden Gruppe (Kadmosschale, Reiter-
schalen Paris, London, Petersburg) oder zu den noch jüngeren Jagdschalen in München, Leipzig und
Paris, zu denen sich auch der Berliner Gefallenentransport stellt. Klingt durch die starre derbe Prägung
dieser beiden Gruppen die Entwicklung etwa der Zeit von 550—530 noch vernehmlich durch, so
stellt sich die echt-altertümliche erste Gruppe ohne Weiteres neben Klitias und liefert den Beweis, dass
um 560 auch die lakonische Malerei sich ein gutes Stück über die Stufe des Amphiaraoskraters

1 Paris, Cabinet des Mädailtes, de Ridder 189. Höhe 0 20;
Durchmesser 0,29 — Pfulil, Malerei und Zeichnung der
Griechen I, S. 224 ff.; hier alles Nähere Über die Schale,
ihre Gattung und die einschlägigen Fragen, sowie Abbildungs-
nachweise aller veröffentlichten Stücke. Zu den Inschriften der
Arkesilasschale nenne ich noch besonders Rev. arch. 1907,
I, S. 401 (Öugas); Athen iteum IV, 1916 (Patroni); B. S A.
XXIV, S. 96, 97, 117 (Hondtus-Woodward).

Die Tareniiner Kyrenescliale (Abb. 102) wird hier mit
gütiger Erlaubnis des H. Qungliali nach Aufnahmen, die

Furiwänglor-Relchhold, Vasenmalerei, Serie 111

G. Weiter freundlichst nur Verfügung stellte, abgebildet, Sie
ist ausführlich behandelt von Dugas in Rev. arch. 1912, II,
S. 96 ff. Rechts Über dem Kopf des Löwen erscheint wohl
das Ende des Schwanzes, unter dem rechten Fuss der Nymphe
das Trennungsband des Exergs.

Die Sphinx-Schale aus Sardes hat Chase in Am, J.
XXV, 1921, Taf. 4, verüflemliclu. Die Prometheus-Sehale:
Alinnri 3583S. Die lakonischen Vasen des Louvrc: Corpus
Vasornrn Louvre III De pl. t—8, Florenz: «oll. d'nrle 1921,
S, i(J3 ff-
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