Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

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Legenden entsagte, und das Wort Gottes allein in der Predigt zur Geltung brachte. Es kam aber darauf an,
zu zeigen, dass es an Eifer, deutsch zu predigen schon im 15. Jahrhunderle nicht gefehlt habe, dass die deutsche
Predigt nicht etwa eine Ausnahme, sondern eine feststehende allgemeine Sitte war. Wie es mit dem catechetischen
Unterrichte aussah, wird uns die folgende Ausführung zeigen.

Erstes Capitel.

Ueber das Wort Catechismus.

Ich muss mit dem Geständnisse beginnen, dass ich mich auf dem Titel meines Buches des Wortes
Catechismus in einem Sinne bedient habe, in welchem es während des ganzen Zeitraums, von dem ich handle,
niemals vorkommt. Wir sind aber an das Wort, und an einen bestimmten, damit zu verbindenden Begriff so
sehr gewöhnt, dass auch ich es nicht zu entbehren wusste, und es vorzog, statt mich einer weitläufigen,
unbequemen Umschreibung zu bedienen, mich lieber wissentlich eines Anachronismus schuldig zu machen.
Wir sind nämlich gewohnt, unter dem Worte Catechismus ein Buch oder ein Büchlein zu verstehen, in welchem
die HauptstUcke der christlichen Lehre und des christlichen Glaubens abgehandelt werden. In diesem Sinne
aber kommt das Wort bis auf Luther gar nicht vor, in diesem Sinne hat erst Luther dieses Wort ausgeprägt,
und zwar erst acht Jahre nach dem Beginne der Beformation, und nachdem er eine Beihe von katechetischen
Schriften verfasst halte, die er mit dem Namen Catechismus nicht bezeichnet hat.

Es würde sehr überflüssig sein, wenn ich über das Wort xarii%£a> und die davon abgeleiteten Wörter
das zusammenstellen wollte, was in den Wörterbüchern zum neuen Testament, in Suiceri Thesaurus ecclesiaslicus,
in Stephani Thesaurus u. s. w. nachgesehen werden kann. Es kommt hier lediglich auf die Worte catechesis
und catechismus an. — Dass die Calechesen des Cyrill kein Catechismus waren, darf ich als bekannt voraus-
setzen. Irenaeus, Tertullian und Augustin gebrauchen das Wort catechisare für: im Christenthum unterrichten.
Am bekanntesten ist das Buch des Augustinus de catechizändis rudibus (*Opp. Tom. IV. Col. 893 sqq. ed
Bas. 1541, Fol.). Unter diesem Buche darf man sich aber keine Anweisung für Kinder, und keine Erläuterung
der HauptstUcke vorstellen. Die rüdes sind überhaupt mit dem Christenthum Unbekannte, die HauptstUcke
werden gar nicht abgehandelt, sondern die Lehrer angeleilet, wie sie Solche, denen das Christenthum fremd
war, für dasselbe gewinnen sollten. Auch das Wort catechismus finden wir schon bei Auguslin, und zwar
in einem Sinne, welcher dem, in welchem Luther das Wort ausgeprägt hat, wenigstens nahe kommt, und
vielleicht ist die Stelle des Augustiu de fide et operibus (Opera IV. Col. 67) für Luther die Veranlassung
gewesen, das Wort zu wählen. Augustin redet nämlich in jener Stelle von Johannes dem Täufer, der denen,
welche zu ihm heraus kamen, auf ihre Fragen: "Was sollen wir thun?" (Luc. 3, 10) je nach ihrem Stande
eine besondere Antwort gab, und fährt dann fort: "His breviter commemoratis Evangelista, non enim Mos
catechismos inserere debuit, satis significavit pertinere ad eum, a quo baptizatus catechizatur, docere et monere
de moribus." Es ist aber doch hier auch unter catechismus nicht ein Buch, sondern ein ausführlicher mündlicher
Unterricht zu verstehen. Wenn wir aber den Sprachgebrauch der späteren Zeit, und namentlich des 15. Jahr-
hunderts und bis auf Luther genau ins Auge fassen, so müssen wir zu der Ueberzeugung gelangen, dass das
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