Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

Page: 28
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/geffcken1855/0038
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
28

Rücksicht. Was später der Catechismus zu leisten bestimmt war, das ward im 15. Jahrhundert durch die
Beichtunterweisung angebahnt. Ja, man kann sagen, durch das Hinwegfallen der alten Beichte (denn die
Beichtverhöre die etwa noch fortdauerten, wurden doch bald in den freien Willen gestellt) war in der Praxis
der Kirche eine Lücke entstanden, die nothwendig durch den Catechismus ausgefüllt werden musste. Selbst
die Frageform, die zwar für den catechetischen Unterricht keineswegs unbedingt nothwendig ist, aber doch als
ihm eigenthümlich angesehen zu werden pflegt, ist ohne Zweifel aus der Beichte, die wesentlich eine fragende
Form hatte, herübergenommen. Diese Bemerkungen werden in dem, was über das erste Hauptstück, die zehn
Gebote, nun zu sagen ist, ihre hinlängliche Bestätigung finden.

Viertes Capitel.

Die Schriften über die zehn Gebote für weise und gelehrte Beichtväter.

Die Beichte, wie wir sie kennen gelernt haben, nahm eine Schärfe der Einsicht und eine Fülle von
Kenntnissen in Anspruch, wie sie kaum bei einem Menschen erwartet werden konnte. Der Beichtpriester sollte
eigentlich schlechterdings Alles wissen, er sollte sich in die verschiedensten Lagen, Stände, Lebensalter und
Verbältnisse hineinversetzen können, wie denn Antonin besondere Fragen für Verehelichte und Richter, für
Advocaten, Procuratoren und Notare, Magister und Doctoren, Schüler und Aerzte, Apotheker und Kaufleute,
Mechaniker und Weber, Wirtbe und Schlächter, Bäcker und Schuster, Goldschmiede und Gerber, Pferdever-
Jeiher und Schauspieler, Musiker und Handwerksgesellen, Bauern, Geistliche, Domherren und Nonnen vorschreibt.
Der Beichtpriester musste mit scholastischer Gelehrsamkeit und Casuistik auch eine genaue Kenntniss des
kanonischen Rechts verbinden, und so gab es neben weisen und erfahrnen, gelehrten Beichtvätern (sapientes,
periti, prudentes) auch Solche, die es weniger waren, und die als einfach und ungelehrt (rüdes, simplices)
bezeichnet werden. Es fehlte nicht an Werken, die für diese verschiedenen Beichtväter bestimmt waren, ja sie
waren in einer solchen Fülle vorhanden, dass Savonarola sie mit einem nicht zu durchschiffenden Meere
vergleicht*) und dass der Verfasser der "Summa rudium" eben darumsein Buch geschrieben zu haben erklärt,

Wie ich mich sust vergeszen han Widder die zehen gebodt, Dann soll gebeichtet werden nach den fünf Sinnen. Es

als got der here wol weysz und ich esz nit kan erkennen, so sollen Vater unser der du etc. Ger/russet sijstu maria etc. Ich

ist es mir leyt und ruwet mich und begere gnade und ablasz, glaube elc. Eyn got saltu an beden, glauben, liephaben über

lere und underwisung etc. — Darnach mag der mentsche vor alle creatur, dyenen, hoffen etc. aufgesagt werden. — Es folgen

sich nemen die gemeyn syeben heubtsunde und darusz bichten, die lateinischen Versus memoriales über die zehn Gebote,

abe er etwasz dar ynne wiste, das er nit beschloszen und ge- ünum crede deum etc., (S. 194) die Hauptsünden (Saligia),

bichte helle in den zehen gebodden etc. die fremden Sünden (Jussio consilium etc., vgl. S. 196), die

Auf Bl. 2 b folgen dann die Hauptsünden: Hoffart, Gyczi- rufenden Sünden (Clamant ad dominum etc., S. 196), die Werke

keyt, Czorn, Unkuscheyt, Uberessent über drincken, Nyd, Hasz, der Barmherzigkeit (Visilo, eibo etc., S. 195), die Sünden gegen

An gotis dinst dragheit. Die gola, das Ueberessen wird aus- den heiligen Geist (Inpognans verum etc., S. 194), die Sacra-

führlich erläutert, nämlich "über sin complex," "nber das mente (Unctio, crisma, thorus, contritio, fons, eibus, ordo), die

gebot der kirchen," als "So man nit hat gefast, so man hat acht Seligkeiten (Pacifici etc.), die sieben Gaben des heiligen

milch gessen, so man oley soll han gessen. So man nit zu Geistes (Sapiencia etc., S. 194) und die 5 Sinne (Visus etc.).
rechter stände isset, so man über zemlich gelobnisse isset etc.

über, das ist übrig, zu viel, dadurch er syn arbet underwegen *) "intransfretabile pelagus" Eruditorium confessorum.

musz laiszen, essen zu viel lust" "zuviel, dardurch er kranck Paris 1510, in 12. Bl. 2 (vgl. Beilage XXVI.)
ist worden," "zu viel, gyczlich als eyn swyne."
loading ...