Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

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komplizierteres System von Zirkelschlägen gewonnen wird. Es sind
also unter Zipernwerkh die Fischblasenformen zu verstehen, die durch
die eingesetzten Nasen als aufsteigend, rotierend oder in eine andere
Bewegung gedrängt erscheinen.
Die Verwendung dieses Wortes als Stilbegriff überhaupt würde
denselben Fehler enthalten, wie die französische Stilbezeichnung. Es
ist daher das Wort Sondergotik gewählt worden, darunter der mit
den überkommenen Formen frei schaffende Baustil verstanden sein
will, der sich von der französisch-gotischen Tradition völlig los-
gelöst hat und sich gegenüber dem in akademischer Starrheit be-
fangenen )4. Iahrhundert hauptsächlich im )5. Jahrhundert unter
Vorwalten des spezifisch germanischen Formgefühls ausbildet.
3. Die Entwicklung ist nicht auf einen engen Lokalkreis beschränkt.
Denn in gewissem Sinne ist die Entwicklung der Sondergotik
identisch mit der Entwicklung der Hallenkirche in Deutschland.
Dadurch schon ergeben sich bestimmte landschaftliche Abstufungen.
In stetem Gleichmaß wird der Gedanke der Hallenkirche in Nord-
westdeutschland, in Westfalen vorgetragen. In Süddeutschland da-
gegen beginnt mit der Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd
nicht nur ein neuer Abschnitt in der Baukunst Schwabens, sondern
der neue Stil überhaupt. Die Ausstrahlung von hier durch ganz
Süddeutschland. Die bayerischen Hallenkirchen zumeist der Lands-
huter Schule stehen als Gruppe für sich. All dies aber wird Über-
boten durch die Bauten, die der gereifte Stil schafft. Sie liegen
in Obersachsen.
Mit dieser lokalen Umgrenzung ist auch das chronologische
Moment gegeben. Um )3so stand schon das Langhaus der Gmünder
Rirche und der Thor beginnt )35). Die letzten sächsischen Lirchen
in Schneeberg und Halle a. S. werden um zsso gewölbt. Mit
anderen Worten: die Sondergotik beginnt dann, wenn die Assi-
milation der Gotik in Deutschland sich vollzogen hat.
Das Ende des Stils ist schwieriger festzulegen und doch nur
äußerlich mit dem Eindringen der Renaissance bezeichnet. Nur
der Formenapparat unterliegt der modischen Renaissancegesinnung.
Hält man sich aber an die Raumform, so bleibt derselbe Geist weiter
am Werke. Das Hereinbrechen der Renaissance bedeutet daher keinen
endgültigen Abschluß für die Sondergotik, sondern nur eine zeit-
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