Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 6.1884

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Forschung unbewusst mehr als eine Eigenthümlichkeit des eigenen Ich, mehr als eine eigene Anschauung
hineinlegt. Ja, wenn wir die Blätter älterer Geschichtsforschung aufschlagen, bietet uns gerade der
moderne Mantel, in welchem dieser oder jene alte Held uns vorgeführt wird, oft mehr Interesfe, als das
Material, welches darin zur objektiven Kenntniss desselben beigebracht ist. Freilich darf uns das weder
entmuthigen noch gar dazu verführen, wissentlich in der Geschichte Dichtung und Wahrheit zu mischen.
Einen solchen Auswuchs moderner, speciell der romantischen Anschauungsweise der eben hinter
uns liegenden Zeit, der wir selbst noch nicht ganz entwachsen sind, haben wir in den zahlreichen
„Ehrenrettungen" zu sehen, mit welchen die neuere Kunstgeschichte hervorgetreten ist Unter den
Künstlern, welche man zu anständigen Mitgliedern eines modernen Salons umzuschasfen bestrebt war,
finden wir auch Adriaen Brouwer, dessen tolle Streiche man auf Kosten der Anekdotensucht der Kunst-
schriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts zu setzen verslicht hat. Die neueste Urkundenforschung macht
jedoch jene Erzählungen über das Treiben des Künstlers zum minderten wahrscheinlich und lässt jeden-
falls den Grund, auf welchem sie gewachsen sind, als richtig erscheinen. Die Resultate der Forschungen
eines Rombouts und van Lerius, die vereinzelt in belgischen Zeitschriften veröffentlicht waren, finden wir
in ihren „Liggere"1 vereinigt. Noch bedeutsamer für Brouwer's Biographie sind Joos van den Branden's
neueste Verösfentlichungen im „Nederlandsche Kunstbode" von 1881 und 1882.2
Auch der Stellung und Bedeutung Brouwer's als Künstler hat man in neuerer Zeit näher zu treten
gesucht. Der Aussatz von Paul Mantz in der „Gazette des Beaux-Arts" (1879 und 1880) will zwar kaum
etwas anderes sein, als ein feuilletonistisch geschickt redigirter Text für einzelne Radirungen nach
Brouwer. Um so mehr Beachtung verdient die Dissertation von Wilhelm Schmidt,3 der in Deutschland
zuerst wieder die Wahrscheinlichkeit, dass Brouwer ein Vlame von Geburt war, nachgewiesen hat. Aber
auch Schmidt, der sich einseitig auf die Untersuchung der älteren biographischen Angaben, sowie auf die
Frage nach der Herkunft und Ausbildung Brouwer's beschränkt, scheint mir theilweise zu irrthümlichen
Schilisten gekommen zu sein. Für eine Monographie Brouwer's bleibt immer noch so gut wie Alles zu
thun: die urkundlichen Daten für seine Biographie mit der alten Überlieferung zusammenzureimen,
sowie seinen Entwicklungsgang, sein Malerwerk wie seine Zeichnungen und Radirungen festzustellen.
Allein diese Aufgaben lassen sich nicht auf einmal lösen. Wenn die folgenden Zeilen die Kenntniss
Brouwer's nach jenen verschiedenen Richtungen nur um einen Schritt näher bringen sollten so würde
meine Arbeit reichlich belohnt sein. Denn wenn auch der Leser bei einem Überblicke der gewonnenen
Resultate mit Recht denselben wird zum Vorwurfe machen können, dass auf alle jene vornehmsten
Fragen keine präcise Antworten, dass statt unumstösslicher Beweise meist nur Hypothesen gegeben sind,
so hosfe ich doch, dass die Art der Begründung dieser Hypothesen in Verbindung mit dem Versuch
einer kritischen Prüfung der Werke des Meisters einen Fortsehritt gegenüber dem bisherigen Stand der
Forschung über Adriaen Brouwer bezeichnen wird.
1 De Liggeren en anderen historische Archive der Antwerpsche Sant Lucasgilde II,, S. 22, 29, 31, 66, 78 und 90.
3 Neun Aussätze unter dem Titel: Adriaen de Brouwer en Joos van Craasbeeck, S. 156 ss.
3 Das Leben des Malers Adriaen Brouwer. Kritische Beleuchtung der über ihn verbreiteten Sagen. 1873.
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