Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 6.1884

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PUBLICIRTE BILDNISSE HOLBEIN'S:

,,Mr. Morett" — Lady Jane Seymour — Unbekannte Bürgerssrau — Georg Gysse.


| echt zutreffend bezeichnet Woltmann als die schönsten Bildnisfe von Hans Holbein in
deutschen Sammlungen die von unserer Gesellschaft publicirten Porträts von Hubert Morett,
Georg Gyfse und Lady Seymour und bemerkt richtig, dass diese drei Leistungen, so sehr
sie in Stil und Haltung von einander abweichen, als Lösung von drei ganz verschiedenen künstlerischen
Aufgaben gleich vollendet dastehen.1 Unter denselben darf wohl das Meisterwerk der Dresdener
Galerie, abgesehen von seiner überragenden Schönheit, das meiste Interesse auch desshalb in Anspruch
nehmen, weil darüber, trotz der grossen Beachtung, welche es seit jeher gefunden, die Aclen der
Kunstgeschichte noch lange nicht geschlossen sind, da gerade in der letzten Zeit nicht nur die abgebildete
Persönlichkeit, sondern auch der Urheber des Bildes wieder in Frage gestellt worden sind, nachdem seit
zwanzig Jahren die Sache endgiltig erledigt schien. Das Original hat sich unter jenen hundert Gemälden
befunden, welche 1746 aus der Sammlung des in vorübergehende Geldverlegenheiten gerathenen
Herzogs Franz III. von Moclcna aus dem, auch wegen seiner Reichthümer berühmten Geschlechte der
Efle, in den Besitz des Königs Augufl III nach Dresden gelangten und auf denen zum grossen Theil
der Werth der dortigen Galerie beruht. In der estensischen Galerie galt es für ein Werk des Lionardo
da Vinci und wurde als solches verkauft; in einer früheren Zeit jedoch scheint thatsächlich Holbein,
der in Italien noch heute „Olbeno" genannt wird, als Urheber des in Rede slehenden Bildes gegolten
zu haben." Dass es den Lodovico Sforza, genannt il Moro, darstelle, wurde erst in einem späten Zeit-
punkte angenommen und ist nicht einmal durch Tradition beglaubigt. Den Keim aller Irrthümer barg
die Silbe ,,Mor" in sich, welche aus der echten Bezeichnung sich erhalten hatte, um ganz unrichtig
gestaltet zu werden. Es entstand nämlich daraus die Deutung auf den Beinamen „il Moro" des berühmten
Sforza, wobei die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts noch erhalten gewesene Tradition des muth-
masslich richtigen Namens verdrängt ward und schlicsslich ganz in Vergessenheit gerieth. Der bekannte
Sammler der Werke Holbein's, Thomas Howard, Earl of Arundet and Surrey, welcher, wie wir in der
Folge sehen werden, auch das Urbild des „Mr. Morett" betitelten Stiches von Wenzel Hollar besass,
gab sich nämlich 1628 alle Mühe, das damals bereits in Italien befindliche Bild der Dresdener Galerie
zu erwerben, und der Vertrauensmann des kunstsinnigen Lords bezeichnet es als ein „von Hans Holbein
zur Zeit Heinrich's VIII. gemaltes Bild, das einen Grafen von Moretta darstelle." Diese Bemühungen
blieben erfolglos und das Werk kam im 17. Jahrhundert nach Modena; der mehrfach vom Hause Efle
verwendete Staatsmann Marchese Massimiliano Montecueeoli schenkte es3 dem Herzog Franz I Der
Kunstschriststeller Scanelli pries es bald darauf „als wunderbares Werk eines nordischen Malers, eines
gewissen Olbeno." Erst später ging die richtige Tradition verloren; man hielt dann das Bild für italienisch
und wollte darin den Mailänder Usurpator Lodovico Sforza erkennen. Ohne Zweifel war man
auf lionardo da Vinci nicht so sehr wegen der Malweise des Bildes verfallen, als aus dem Grunde,
weil man einen für Mailand plausiblen Künstler ersten Ranges brauchte, um ihm das Bild zuzuschreiben.

1 ,,Holbein und seine Zeit" von Alsred Woltmann. Zweite Auslage, Leipzig, E. A. Seemann 1874, S 427.
2 „Verzeichniss der königlichen Gemälde-Galerie 211 Dresden von Julius Hübner. 3. Auslage. Dresden, 18S0, Einleitung, S 27.
3 Vgl. A, Ventun: „La R Galleria Estense." Modena, Paolo To/ehi &* (St., 1SS2, p. 224 Schon Montecueeoli schrieb es dem Gio: Olim
zu; er hatte es wohl unter (lieset- Bezeichnung erworben. Der Gnleriedireclor G. Balleßrieri berichtet später dem Herzog Frans L, dass Lord
Arundel das von Montecueeoli geschenkte Bild von Olbin hoch in Ehren halte.

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