Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 6.1884

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A'.ouyn&v in Imagine Georgij Gysenii
Ista refert vultus, quam cernis Imago Georgi
Sic oculus vivos, sie habet ille Genas
Anno a:tatis suje XXXIIII
Anno dorn. 1532.

„Nulla sine merore voluptas" („Ohne Schmerz keine Lust"). Oben ist auf einem weissen Zettel eine
nicht correfte Inschrist zu lesen:
Distichon aus das Bildniss des Georg Gysse.
Das Bild, Du schaust, Georg's Antlitz spiegelt es wieder;
So ist belebt ihm das Aug', so sind die Wangen gesormt.
Im XXXIIII Jahre seines Lebens
Im Jahre des Herrn 1532.
Auf mehreren Briefen, die in der Wandvertäfelung stecken und von 1528 bis 1531 datirt sind, kann
man nicht bloss die Namen der Absender: Hans Stollen, Jergcn zc Bafel, Tomas Bands, sondern
auch die Adresse entziffern; besonders deutlich ist der Brief adressirt, den der Kausherr eben von
seinem Bruder empsangen hat und zu öfsnen im Begriffe sleht: „Dem erszamen Jergen Gisze to lunden
in engelant mynem broder to handen". Auf ganz gleiche Art hat Holbein, beispielsweise, den Namen
des Kaufmannes Derich Tybis aus Duisburg in der Wiener kaiserlichen Galerie sestgestellt, der eben
einen von seinem Vater eingelangten, äusserst genau adressirten Brief öffnet. Die Betrachtung des vor-
trefflichen Stiches von Eilers macht jede Beschreibung des auf Holz gemalten und im Ganzen vortress-
lich erhaltenen Bildes überflüssig; nur auf die coloristische Harmonie, welche durch das Schwarz an
Mütze, Pelz und Schaube mit dem Roth des seidenen Rockes auf dem Hintergrunde der grün gemalten
Wandvertäfelung im Contrast zu dem persischen Teppich über dem, mit Blumen und allerhand Geräthen
bedeckten Tische hervorgebracht wird, möchten wir hinweisen. Vom rein malerischen Gesichtspunkte
aus ist das Bildniss des Gysse wegen seiner vornehmen coloristischen Wirkung und der, selbst von
keinem der späteren niederländischen Stillleben-Maler übertroffenen Treue, Feinheit und Gegenständ-
lichkeit in der Ausführung des Beiwerkes von hoher Bedeutung; es bekundet deutlich den schon von
Wornum hervorgehobenen Einfluss, welchen die flämische Schule, insbesondere Quentin Masfys, aus
Holbein bei seinem zweiten Aufenthalte in England genommen. Was aber das Porträt selbst anbelangt,
so gehört es wegen der strengen Ehrlichkeit der Zeichnung, der Zartheit der malerischen Durchsührung,
der psychologischen Schärfe, mit welcher Charakter, Beschäftigung und Lebensführung der dargeftellten
Persönlichkeit dem Beschauer augenseheinlich gemacht werden, zu den höchsten Leistungen jeglicher
Bildnissmalerei. Mit dem gleichen, vielleicht noch mit grösserem Recht hätte der Meister aus diesem
Porträt das Distichon anbringen dürfen, welches, als höchstes Lob der Zeitgenosfen, auf Holbein's
Bildniss des jungen Kaufmannes Derich Born zu Windsor Castle aus dem Jahre 1533 zu lesen ist:

„Derichus si vocem addas ipsissimus hie sit
Hunc dubites piftor feecrit an genitor."

„Fügst Du die Stimme hinzu, so fragst Du Dich zweiselnd, ob Derich
Steht vom Vater erzeugt, oder gebildet durch Kunft."
Oskar Berggruen.


Der Prinz ven Wahs nach Holbcin.
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