Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 6.1884

Page: 92
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Personen völlig der alten Darsteilung der heiligen Sippe in ihrer ursprünglichen, der kirchlichen Tradition genau
solgenden Weise entspricht: so ist es doch auf den ersten Blick unzweifelhaft, dass hinter allen Figuren äusserst bestimmt
und lebenswahr abconterfeite Personen stecken. Selbst die schlicht, ohne den zu Häupten des Jesuskindes in reizender
Ornamentirung gebildeten Heiligenschein, dargestellte Mutter Gottes ist unzweifelhaft ein Porträt. Von der Composition
losgelöst, schreitet aus dem Bilde ein Knäblein heraus, dessen Gesicht und dessen Costüm ofsenbar für die kleine
Figur viel zu alt sind; Muschelhut und Wanderstab, die Attribute des Pilgers, dann ein Rosenkranz und zwei
gekreuzte Dolche auf dem runden breiten Kragen fallen besonders auf. Den Hintergrund bildet eine, ohne Zweifel
im Orte, wo das Bild gemalt wurde, aufgenommene Landschast, die mit der hinter der heiligen Apollonia auf dem
Innenflügel ersichtlichen Umgebung ubereinstimmt. Das grosse Haus in der Mitte mit dem spitz zulaufenden
Dach gemahnt durch die überhängenden Geschossc an die noch heute in Steiermark und Kärnten übliche Bauart;
an dem etwas im Hintergrunde slehenden, vornehmeren kleinen Hause fallen der Bär als Schildhalter in einer Nische
über dem recht primitiven Portal, dann der in der Art des älteren Holbein ornamentirte Renaissance-Fries über dem
Hauptgeschoss auf; in der Ferne ragt ein zierliches gothisches Schlosschen empor. Hechts meisterliche, sogar kleine
Einzelnheitcn ersichtlich machende Nachbildung überhebt uns jeder weiteren Beschreibung des Gemäldes.
Für die Kunstgeschichte ist es ein hoher Gewinn, dass das Bild sich in Kärnten erhalten hat, wie es der Maler
dort zurückgelassen, und dass es überdiess von ihm voll bezeichnet worden ist. Auf dem Stein im Vordergrunde ist
nämlich deutlich zu lesen: „Joannes Scorel hollandin (us) pictorie amator pingebat." Auf der Rückseite des Mittel-
bildes steht: „Arme dm. 1520"; darunter gewahrt man die von uns reproducirten Wappenschilde, von denen eines
auf das Patriziergeschlecht Lang von WeUenburg hinweist.1 Es ist bedauerlich, dass sich die locale Forschung noch
nicht genügend mit diesen Wappen abgegeben und noch nicht sestgestellt hat, welchen Umstanden wir dieses wichtige
Meisterwerk verdanken. Wahrend das Bild durch den Meister selbst beglaubigt worden ist, erscheint dieses gleichsam
als ein urkundliches Zeugniss für die abenteuerliche Jugend seines Urhebers.
Jan van Scorel scheint keinen Familiennamen besessen zu haben, da er sich nach dem Dorfe Scorel (heute:
Schoreel) bei Alkmaar, wo er zur Welt kam, schrieb. Sein Biograph Karel van Mander gibt in seinem „Schilder-
boeck" an,3 dass er am ersten Augusttage 1495 zur Welt kam und schon in der Schule von Alkmaar einen grossen
Hang zur Malerei bekundete, so dass seine Verwandten ihn nach Haarlem zu einem Maler in die Lehre schickten.
Von dort kam er nach Amsterdam, zu Jacob Comelisz, einem der besten Maler seiner Zeit, welcher den jungen
Schüler besonders begünstigte. Von Liebe zu der erst zwölfjährigen Tochter seines Lehrherrn entbrannt, zog
Schoreel in die Welt, um sich einen Namen zu machen und dann um die Hand der Geliebten werben zu können.
Nach kurzem Aufenthalte im Atelier von Jan de Mabufe zu Utrecht, wanderte er über Köln, Speier, Strassburg
und Basel nach Nürnberg zu Albrecht Dürer, bei dem er einige Zeit blieb. Als eifriger Katholik verliess er jedoch
den grossen deutsehen Meister, der sich gleich nach Luthers Auftreten der neuen Religion zuwandte und sie
auch seinen Schülern empfahl. Da Luther erst am 31. Oftober 1517 seine Thesen in Wittenberg angeschlagen
hatte, dürfte Schoreel erst 1518 oder gar 1519 von Nürnberg weggegangen sein. Er mochte wohl die Absicht gehabt
haben, Dur er s Beispiel nachzuahmen und von Nürnberg nach Venedig zu gehen; wenigstens schlug er einen der
damaligen Handelswege zwischen beiden Städten ein und kam nach Steiermark und Kärnten, wo er längere Zeit
blieb und für adelige Herren arbeitete, von denen einer ihn besonders liebgewonnen und ihm seine Tochter
angetragen haben soll, um ihn festzuhalten. So erklart sich das Vorhandensein eines so bedeutenden Bildes

1 Der Freundlichkeit des Herrn Cuitos SchelUin verdanken wir die Nachbildung der Wappen und die Mittheilung, dass dieselben nach
seinen genauen Untersuchungen zur seiben Zeit, in welcher das Altarbild entstand, auf dessen Rückseite gemalt worden sind. Das osfenbar
zusammengesetzte Wappen, in dessen unterer, rechtsseitiger Ecke das andere vorkommt, konnte bisher, trotz eingehenden Nachsorschungen,
nicht enträthselt werden; das andere Wappen ist das der Lang von WeUenburg. Herr Dr. A. Petter, Diredtor des Museum Carolino-Augusteum
in Salzburg, in welchem ich zahlreiche Münzen mit dem Bildnisfe des Erzbifchoss Mathäus Lang von WeUenburg und mehrere Teppiche mit
seinem Wappen sah, hat mich sreundlichst darauf ausmerksam gemacht, dass der mit einem Pelze bekleidete Mann auf dem Vellacher Bilde,
welcher mit der neben ihm slehenden Frau zu sprechen scheint, dem Erzbischos, aber auch seinem Bruder ähnlich lieht, welcher aus der heute
den Fursten Fugger gehörenden, bei Augsburg gelegenen Wellenburg sass. Cardinal Mathäus Lang, 47. Erzbischos von Salzburg von 15 19 bis
1540, war ein Liebling des Kaisers Maximilian I. gewesen (vgl. J. Th. Zauner's ,,Chronik von Salzburg," Tom 4 und 5, Salzburg, 179S ; der
Familie Lang hatte er dieser schon 1498 den Adel und 1507 das Prädicat von Wellenburg verliehen. Cardinal Mathäus hatte vor Erlangung des
Erzbisthums Salzburg mehrere Probsteien und Abteien in Kärnten innegehabt' und dieselben noch lange nach seiner Erhebung zum Erzbischos
behalten. Sein Testament (vgl. „Mitth. d. Ges. s. Salzburger Landeskunde," 1866, S. 23) weist seine zahlreiche Familie nach.
- Vgl. Karl Jussi im „Jahrbuch der königlich preussischen Kunstsammlungen (II. Band, 18S1, Seite 193 sf.) Eine Übersetzung der
Biographie Schoreel's von Karel van Mander sindet man in der „Zeitschrist sür bildende Kunft" (XVIII Band, 1883, S. 49).
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