Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 12.1889

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Lunette von Makart sür das kimßhillorifche Hofmuseum.

einzelner schöner Erfolge rühmen. Aber der Bildnilsmaler des modernen Wien par excellence ist
Heinrich von Angeli. Seine Weltstellung bezeichnet auch aufs Treffendste den internationalen
Charakter der heutigen Kunst überhaupt, die mit allen ihren beweglichen Erzeugnissen dem grossen
Wellengange des Verkehrslebens anheimgegeben ist. Wir sehen unseren berühmten Porträtisten,
dem wir die vorzüglichsten Bildnisfe Seiner Majestät des Kaisers und der übrigen Mitglieder des
Allerhöchsten Herrscherhauses verdanken, bald an den Ufern der Themse, bald an denen der Spree
und der Newa weilen, um die ihm dort zu Theil gewordenen fürstlichen Aufträge auszuführen. Die
Bildnisse, die er von den drei so schnell aufeinander gefolgten deutschen Kaisern, von dem Prinzen
von Wales, dann von den grossen deutschen Heerführern, sowie von den bedeutendsten Persönlich-
keiten des modernen Österreich geschaffen hat, besitzen als Musterleistungen von sprechender Wahr-
heit und Lebendigkeit einen historischen Werth. Nicht weniger glücklich ist der Künstler als Maler
der vornehmen Damenwelt, wie namentlich das Bildniss Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau Erz-
herzogin Maria Theresia und — um aus der unübersehbaren Zahl der übrigen Porträts nur ein
Beispiel aus des Meisters früherer Zeit hervorzuheben — das Bildniss der Frau Baronin Mathilde
Seidler in Wien beweisen können. Der erlesenste Geschmack und die geschickteste Hand verbinden
lieh in diesen Werken mit der schlichtesten Natürlichkeit und Charaktertreue.
Die Wiener Genremalerei hat in August von Pettenkofen ebenfalls einen Meister von Weltruf
hervorgebracht. Wenn die Genremaler der älteren und der jüngsten Generationen mit Vorliebe das
heimische Volksthum und Wiener Charaktertypen schilderten, umfasst Pettenkofen's malerischer
Gesichtskreis die entlegensten Gebiete. In früheren Jahren war er als Zeichner wie als Maler ganz
dem österreichischen Soldatenthum ergeben und fügte diesem ohnehin schon gestaltenreichen Stosf-
kreise dann seine köstlichen Schilderungen des Zigeunerlebens, des Volksthums in der örtlichen
Reichshälfte hinzu; auch Motive und Figuren von costümlichem Reiz, Illustrationen zum »Gil Blas«
u. a. beschäftigten den Meister. Aber am vollendetsten erscheint seine Kunst in der Schilderung der
allereinfachsten mensehlichen Situationen, die er mit dem unbeschreiblichen Zauber einer fein-
gestimmten Innerlichkeit zu durchdringen weiss. Eine Frau am Spinnrocken in ihrem ärmlichen
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