Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 13.1890

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DAS NIEDERLÄNDISCHE ARCHITEKTURBILD
IN DER SCHWERINER GALERIE.
Nr. 617. Antony de Lorme. Das Innere einer Kirche bei Licht. Eichenholz. Höhe 030,
Breite 039. Bezeichnet 16ji A de Lorme. — Radirung von Schulz.
Nr. 1100. Jan van Vucht. Inneres einer Kuppelkirche. Bezeichnet mit dem Monogramm
/ V. V. Eichenholz. Höhe rj'28, Breite cj'35. — Radirung von Schulz.

jJlAS Architekturbild gilt als eine der niederländischen Kunst eigentümliche Gattung der Malerei.
Im engeren Sinne ist dies wohl richtig; doch hat auch die italienische Kunst ihr Architekturbild

gehabt, und zwar lange ehe dasselbe in der niederländischen Malerei zu einem selbständigen Zweige
derselben wurde. In ihrem eigenthümlich stilvollen und monumentalen Sinne hat die italienische Kunst
aber dem Architekturbilde nicht in der Malerei selbst einen Platz eingeräumt, sondern als Decoration
in der Intarsia. Hier, wo es galt, die Füllungen der Chorstühle, des Geschränks u. s. f. zu beleben, war
die Darsteilung von tiefen Innenräumen oder Strassenansichten ganz am Platze. Wie hier im Quattrocento
das Stillleben zuerst auftrat, so gebührt dieser grossen Zeit der italienischen Kunstblüthe, von der Antike
abgesehen, auch die eigentliche Erfindung und stilvollste Ausbildung des Architekturbildes.
Auch in den Niederlanden wie in Deutschland findet das Architekturbild etwa hundert Jahre
später in der Intarsia der Möbel seinen Eingang, und die Einführung dieses Motivs in die Malerei erfolgt
fast gleichzeitig durch einen Architekten, durch Vredeman de Vries. Der bekannte und einssussreiche
Architekt ist unter den Ersten, die eigentliche Architekturstücke malen; aber auch später noch finden
wir unter den Architekturmalern so tüchtige Architekten wie Bartholomeus van Bassen.
Diese Herkunft und die theilweise Abhängigkeit von der Architektur und von den Architekten sind
wohl der Grund dafür, dass das Architekturbild in den Niederlanden, in Flandern wie in Holland, mit
wenigen Ausnahmen einen mehr zeichnerischen, unmalerischen und häufig nüchternen Charakter trägt.
Eine ebenso bezeichnende Eigenthümlichkeit des niederländischen Architekturbildes ist das Fehlen
wesentlicher Verschiedenheiten zwischen den vlämischen und den holländischen Bildern dieser Art.
In Antwerpen ausgebildet, wird diese Gattung der Malerei durch vlämische Auswanderer nach Holland
übertragen; und die holländischen Maler bleiben zum Theil mit Flandern in Beziehung oder verlieren
im Auslande den scharf ausgeprägten nationalen Charakter.
Die Schweriner Galerie hat eine beträchtliche Zahl von Architekturstücken aufzuweisen, meist von
Künstlern, welche der früheren Periode der holländischen Kunst angehören und die zum Theil noch
in engem Zusammenhange mit der vlämischen Kunst flehen. Der bestimmende Meister für diese ältere
Gruppe von Künstlern ist der alte Hendrick van Steenwyck, der Schüler des Vredeman de Vries in
Antwerpen. Auf seinen Schultern slehen, ausser seinem gleichnamigen Sohne, der ältere Peeter Neefs
und dessen Söhne und Nachfolger Peeter und Lodewyk Neefs; sein Einssuss ist aber auf die verschie-
denen Meister der älteren holländischen Architekturmalerei unverkennbar. Mehrere von ihnen lernen
wir gerade hier in Schwerin kennen.
Die Galerie besitzt zunächst mehrere bezeichnete Gemälde des Hendrick van Steenwyck. Eines
derselben ist datirt 1614; es muss also, da Karel van Mander den älteren Künstler dieses Namens schon
1604 als verdorben angibt, von dessen Sohne herrühren. Die drei anderen Bilder, die noch moderneren
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