Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 21.1898

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Problemen, sie geben uns eine Vorstellung von dem Leben des kleinen Bürgers, wie von dem des
Adels, der Theaterwelt, der Demimonde — kurz es gibt kaum ein Gebiet des menschlichen
Lebens, das sie nicht, sei es mit Ernst, sei es mit Humor oder mit scharfer Satire, behandeln.
Die literarische Seite ist aber nicht das einzige, was uns für diese Produ6te eines künstlerischen
Journalismus, wie man sie einmal genannt, so sehr einnimmt. Ihr Kunstwerth ist zum Theil sehr
gross und manche hervorragende Künstler haben mit den bescheidenen Mitteln der Lithographie
mehr erreicht, als sie vielleicht mit den schwierigeren und weniger dankbaren anderer Künste
hätten zu Wege bringen können. Zeichner wie Charlet, Rasset, Gavarni und Daumier geben ihr
Bestes und Grösstes in ihren Steinzeichnungen. Und Maler wie Gericault, Dccamps und Delacroix
haben ihre flüchtigen Improvisationen dem Stein anvertraut und damit wahre Kunstwerke
geschaffen.
Im Jahre 1860 ist diese erste kurze Blüte der Lithographie fast gänzlich vorüber. Die ver-
schiedensten Umstände vereinigen sich, um die Lithographie vom Schauplatze zu verdrängen. Die
Generation der Zeichner, die ihre Wirksamkeit in den dreissiger Jahren begonnen haben, ist schon
sehr gealtert und die Jungen sind nicht geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Decamps und Rasset sind
todt; Gavarni beschäftigt sich in der Einsamkeit seines Landhauses zu Auteuil fast nur mehr mit
mathematischen Studien; Daumier, Monnier und Gigoux schasfen wohl noch manches Gute, doch
haben sie mit dem neuen Geschlechte die Fühlung verloren. Dazu kommt, dass die Lithographie
nun auch auf vielen Gebieten der Photographie den Platz räumen muss. Im Allgemeinen lässt
sich zwar sagen, dass das Aufkommen des billigen mechanischen Reproduclionsverfahrens allen
graphischen Künsten eher förderlich als schädlich gewesen ist, da diese dadurch in heilsamer
Weise auf ihren eigenen Wirkungskreis, auf ihre eigenen Ausdrucksmittcl und — was das
Wichtigste ist — auf das rein Künstlerische beschränkt worden sind. Es darf aber nicht vergessen
werden, dass die Lithographie ein Gebiet, dem sie einen grossen Theil ihrer Popularität verdankt,
das Gebiet des Porträts, allmählich gänzlich an die Photographie verliert. Dagegen bleibt die
Reproduktion von Gemälden ein Feld, auf dem sich die Lithographie dank den Arbeiten Nanteuils,
Mouitterons, Soulange-Teissiers und Anderer neben dem Kupferstich und der Radirung noch
längere Zeit mit Ehren behauptet, bis sie — in jüngster Zeit — auch hier von der Heliogravüre
völlig überflügelt wird.
Viel gefährlicher als die Photographie ist ihr aber die Radirung geworden, die sie auf dem
Gebiete des rein Künstlerischen aufsuchte, bekämpfte und zu vernichten drohte. Auf diesen Kampf
zwischen der Lithographie und der Radirung, der heute endlich friedlich beigelegt ist, müssen wir
hier näher eingehen.
Der Anfang der sechziger Jahre war für die künstlerische Produclion keineswegs eine unfrucht-
bare Zeit; es fehlte nicht an bedeutenden, neu auftauchenden Talenten. Wer einen Begriff davon
bekommen will, welche künstlerischen Fragen damals den jungen Leuten am Herzen lagen, der lese
Zolas merkwürdigen Roman L'Oeuvre, der, obwohl ein Vierteljahrhundert später geschrieben, doch
offenbar viele Erinnerungen aus jener Zeit enthält. Für Frankreich sind diese jungen Künstler, die
damals fast von Allen verkannt waren und alljährlich vom Salon zurückgewiesen wurden, die
Begründer der modernen Kunst geworden. Unter ihnen befinden sich Mattet, Legros, Ribot, Yollon,
Jacquemart und Fantin-Latour; zu ihrem Kreise gehören auch einige Fremde wie Whistler und
Seymour-Haden. Diese Maler hätten beinahe, ohne auch nur daran zu denken, der künstlerischen
Lithographie den Todesstoss versetzt. Sie widmen sich mit grossem Eifer der Radirung, die von
nun an die bevorzugte unter allen graphischen Künsten wird; freilich nur in dem Kreise dieser
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