Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 21.1898

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THEODOR

ALPHONS.

28. October 1860 — 2. September 1897: also nicht einmal die Jahre Raphaels, die
annos XXXVII integros, hat er ganz durchmessen, obwohl einer Künstlernatur diesseits der
Alpen mehr Zeit zur Entwicklung und Bethätigung gegönnt sein sollte, als der Urbinate, dieses
Wunder an Reception und Production, nöthig hatte! Es berührt schmerzlich, eine bedeutende
Kraftblüthe so früh geknickt zu sehen, doppelt schmerzlich, wenn das zerstörende Übel kein
selbst verschuldetes war, sondern ein überkommenes, und am schmerzlichsten dann, wenn
wir gewahren, dass die künstlerische Potenz eher noch im Wachsthum begrisfen als bereits
aufgebraucht war, da mit der psychischen Trübung das unabwendbare Verhängnis eingriff.
Alphons hat in unendlicher Beängstigung, unter einem unwiderstehlichen Drange seinem Leben
selbst ein Ende gemacht. Am 2. September 1897 früh Morgens erhob er sich von seinem
Lager, eilte an das Fenster, hatte dieses blitzschnell aufgerissen und den Todessprung in
die Tiefe gethan. »Es muss sein!« war das schreckliche Wort, das er dabei ausstiess. Man las
ihn von der Strasse auf; das schöne Haupt war unbeschädigt, die verstörte Seele entflohen. Ein
Brief, den man in seiner Rocktasche fand, legte trotz seiner Verworrenheit dar, dass er sich
mit quälenden Einbildungen, mit grundlosen Vorwürfen, mit eingebildeten Verbrechen getragen.
Zerrüttete Nerven, erbliche Belastung, wie oft hört man das in unserer Zeit, wie leicht spricht
es sich bereits aus! In Alphons hatte der feine, schaffensfreudige Künstler lange das Übergewicht
über den unglücklichen Menschen, aber schliesslich hat dieser jenen grausam überlistet, mit in
den nächtigen Abgrund gezogen. Dem entgleisten Geiste ist die Ruhe zu gönnen; um den Künstler
thut es uns leid — er hätte die Welt noch viel erfreuen können.
Alphons schuf am liebsten im Aquarell, Ruf und Ansehen aber erwarb er sich als Radirer,
und zum Ölbild, zur Durchführung im Grossen drängt' es ihn in letzter Zeit. Er war zunächst Land-
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