Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 21.1898

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Lithographie, in neuester Zeit fast ausschliesslich der Algraphie. Auch in der Radirung hat Thoma
sich ausgesprochen, einen grossen Ecce homo im Herkomerverfahren und zuletzt in einem Blatte
aus dem Jahre 1897 (Radirung), einen Jüngling darstellend, der im Sommer am blumenbewachsenen
Wiesenabhang unter breitästigem Baume ruht.
Universell wie Thomas Kunst ist auch der Stoffkreis seiner Kunstblätter. Das deutsche
Märchen, die Heckenrose des Volksliedes, die Sage, der Mythos (Nibelungen) nicht minder wie die
evangelische Geschichte, die einfachen wahren und grossen Porträts, tiefempfundene Landschaften
und jene auf den einfachsten, friedvoll grossen Grundaccord gestimmten Daseinsbilder, das Leben
des Landmannes oder ein »mythisches goldenes Zeitalter« schildernd. Dann jene überquellende
kraftvolle Menge von personificirten Naturäusserungen, Nixen, Centauren, Faune etc. und
endlich jene lieblichen Kinderschilderungen. Die grosse Raumwirkung in den Blättern Thomas,
verbunden mit ihrer naiven Ehrlichkeit, Lebendigkeit und Schöpfungskraft zwingen immer zum
mitfühlenden freudigen Glauben an die Selbstverständlichkeit der Existenz des Dargestellten.
Edmund Wilh. Braun.

EINE ÜRIGINALRADIRUNG VON W. UN GER.
Die Mitglieder unserer Gesellschaft werden sich freuen, auch William Unger, dem sie so
manche schöne Gabe verdanken, in unserer Mappe vertreten zu finden. In dem Blatte Aus Lovrana
begegnen wir ihn auf einem Gebiete, das er leider selten betritt, auf dem der Originalradirung.
Auch hier beweist er die Vielseitigkeit, die ihn zum reproducirenden Künstler prädestinirte. Neben-
einander steht in dem Parergon seines Lebenswerkes das skizzenhafte, andeutende Blättchen und das
malerisch empfundene Bild. Aus Lovrana ist von den Arbeiten der letzteren Art wohl die
bedeutendste. Der anheimelnde italienische Küchenraum mit seinem träumerischen Dunkel und dem
Widerstreit zwischen Tageslicht und Herdfeuer bot dem Künstler einen Vorwurf, zu dessen
Bewältigung er die der Radirung innewohnenden Kräfte auf das äusserste anspannte und mit der
Verwendung von Farbe einen kräftigen Verbündeten heranzog. Wie Unger damit eine volle
malerische Wirkung erzielt, ohne die Grenzen der Radirung zu überschreiten und farbige Künste-
leien zu verrathen, wird man im Bereiche der modernen graphischen Künste nicht oft wiederfinden.



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