Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 26.1903

Seite: 92
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FRITZ PONTINI.

Der junge österreichischeKünstler, von dem wir umstehend zum zweiten Male eine Original-
radierung bringen, wurde am 6. Juni 1874 in Wien geboren. Im Jahre 1892 bezog er die Wiener
Akademie, wo er vier Jahre unter Rumpier und vier Jahre unter Unger studierte. Unter letzterem
erhielt er im Studienjahre 1898/1899 den Gundelpreis und 1899/1900 den Spezialschulpreis für die
mit kaiserlicher Subvention ausgeführte Radierung »Lustschloß in Lainz«. Das Jahr 1901/1902
brachte ihm für ein Ölbild, die beste Lösung der Aufgabe »Heimkehr«, die goldene Füger-Medaille.

Pontini hat sich bisher vorwiegend mit der Originalradierung beschäftigt. Für seine Land-
schaften entnimmt er die Motive gerne seiner geliebten zweiten Heimat, dem Egerlande. Es sind
hier die Blätter Moorlandschaft, Moorteich, Abend (alle 1897 entstanden), Kartoffelernte (1900),
Judenfriedhof bei Königsberg an der Eger (1901) und Vor dem Gewitter, die größte Radierung,
die Pontini bis jetzt geschaffen hat (1902), zu erwähnen. Außer den genannten Blättern hat der
Künstler noch folgende ausgeführt: Porträt einer jungen Dame — Mädchen am Spinnrad (beide
1897) — Blechturmgasse im Winter — Föhren (Motiv aus Mödling, in den Graphischen Künsten
erschienen, wie das vorhergehende 1898 entstanden) Im Klostergarten zu Klosterneuburg
(Mondstimmung, 1900) — An der Donau — Motiv aus Hütteldorf (Mondstimmung) — Halterbach
(alle drei Blätter 1901) — La femme elegante: 1. Die Raucherin, 2. Toilette, 3. Kritik, 4, Dame
mit Hund und 5. Am Strande; fünf farbige Radierungen — Weiden (Motiv aus dem Wiener Wald;
ebenfalls farbig und gleich den beiden vorhergehenden von zwei Platten gedruckt; sämtliche
farbigen Radierungen von 1902) — Die letzten Reste des Ratzenstadtls in Wien — Sommerabend
(Motiv aus Oberösterreich; beide 1903). Überdies hat der Künstler eine Reihe von Reproduktions-
radierungen geschaffen.

Eine Eigenschaft, welche die Werke von Pontinis beiden Lehrern auszeichnet, scheint auch
ihm eigen zu sein: die Delikatesse. Namentlich seine Landschaften zeugen von ihr, in der
künstlerischen Empfindung sowohl als auch in der Ausführung. Dem Pathetischen und Romantischen
in der Natur geht er aus dem Wege. Die zarte Stimmung, die über den Mooren des Egerlandes ruht
oder aus den intimen landschaftlichen Schönheiten des Wiener Waldes spricht, hat es ihm
angetan. Unter den Tageszeiten liebt er besonders den Abend, an dem die leisen Stimmen der Sehn-
sucht vernehmbar werden, und die milde Mondnacht, die zum Träumen einlädt. Und doch ent-
springen dieser elegischen Veranlagung keine süßlichen, weichlichen Arbeiten, denn was die
zarte Seele empfunden hat, weiß die Hand, zugleich feinfühlig und kräftig, auf ebenso sichere
wie delikate Weise festzuhalten. - - In dem Zyklus »La femme elegante« hat sich der Künstler
meiner Meinung nach an ein Thema gewagt, das ihm nicht liegt. Gleichwohl ist es erfreulich,
daß sich Pontini gerade jetzt wieder in der Malerei mehr dem Figuralen, dem Akte und dem
Genrebild, zuwendet. Es ist zu hoffen, daß dem Künstler, der ja erst am Beginne seiner Bahn
steht, auch auf diesem Gebiete schöne Erfolge beschieden sein werden.

A. W.

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