Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 44.1921

Seite: 52
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Uli Rethi, Dekorative! Fries.

GRAPHISCHE BLÄTTER VON LI LI RETHI.

Zu den erfreulichsten Obliegenheiten desjenigen, der berufsmäßig über die Kunst seiner Zeit
Bericht zu erstatten hat, gehört es, das Auftauchen einer neuen Begabung festzustellen. In solch an-
genehmer Lage befindet sich der Schreiber dieser Zeilen. Er leitet das, was er begleitend zu den
hier und in der Jahresmappe in Urbildern und in Nachbildungen vorgeführten graphischen Arbeiten
Lili Rethis zu sagen hat, am besten mit dem Satze ein, daß er sie für ein ausgesprochenes Talent
halte, dessen Entwicklung es mit aufmerksamster Anteilnahme zu verfolgen gilt.

Dieser einen Feststellung muß sich aber unverweilt eine andere zugesellen. Sie betrifft die
in die Augen springende Ähnlichkeit der Arbeiten der jungen Wienerin mit denen Frank Brangwyns.
Hat man es hier mit einem merkwürdigen Fall von Wahlverwandtschaft oder mit dem weit weniger
anziehenden und ungewöhnlichen von bloßer Nachahmung zu tun?

Handelte es sich bloß um das letztere, so hätten wir, die wir das vorliegende Heft zusammen-
gestellt haben, uns wohl gehütet, die Leistungen einer jungen Künstlerin, die sich erst einen
Namen machen muß, unmittelbar an die des weltbekannten Meisters zu reihen. Wir bilden uns
aber ein. daß die Arbeiten von Fräulein Rethi der gefährlichen Nachbarschaft standzuhalten ver-
mögen und daß gerade diese Nebeneinanderstellung am besten geeignet sei, dem Vorwurf, den ihr
oberflächliche und voreilige Beurteiler sicherlich nicht ersparen werden: sie sei nichts anderes als
eine Nachahmerin Brangwyns, am erfolgreichsten zu begegnen.

Fräulein Rethi stammt aus einer Familie, in der vor ihr die bildende Kunst keinerlei Rolle
gespielt hat, doch bringt ihre Mutter der Kunst seit jeher die größte Verehrung entgegen und ist
ihre Schwester weit über den Durchschnitt hinaus musikalisch veranlagt. Aber schon früh hat die
Künstlerin gezeichnet. Anregungen dazu bot ihr ausschließlich die Natur — vorausgesetzt, daß
der unselige Großstadtmensch überhaupt noch diesem heiligen Begriff unterstellt werden darf.
Während sie aber feine Herren völlig gleichgültig ließen, fesselten sie Männer aus dem Volke, die
schwere Arbeiten verrichteten. Wenn etwa auf der Straße ein Geleise gelegt wurde, so war sie
nicht von der Stelle zu bringen. Auch Baugerüste weckten von klein auf ihre Teilnahme.

Dieses Interesse ist zu einer Zeit, da die Technik Trumpf war und die körperliche Arbeit
auf der sozialen Stufenleiter immer höher emporkletterte, nicht weiter verwunderlich. Von Constantin
Meunier und Muirhead Bone hatte die angehende Künstlerin keine Ahnung. Denn Ausstellungen
besuchte sie ebensowenig wie Sammlungen. Sie bedauert heute, so wenig von anderer Kunst, von
neuer wie von alter, zu wissen, fügt aber gleich hinzu, daß sie für die Arbeiten anderer eigentlich

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