Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 50.1927

Seite: 87
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DER MALER-DICHTER URIEL BIRX BAUM.

Über den heute noch nicht Dreiunddreißigjährigen hier aufs neue1 zu berichten, ist umso mehr
Anlaß, als er auch seither unermüdlich tätig war, als diesmal den Wiedergaben seiner Werke eine
Originalarbeit beigefügt werden kann und als sich außerdem willkommene Gelegenheit bietet, ein
und das andere zum Verständnis des Künstlers Notwendige nachzutragen.

Das älteste der hier reproduzierten Blätter ist das aus der Folge »Wesen von anderen Sternen«.
Es ist schon 1913, also noch vor der großen Wende des Weltkrieges, entstanden und sagt Bereits
Wichtiges über Birnbaums Eigenart aus. Der Vorwurf ist phantastisch, unwirklich. In der Tat waltet
auch in dieses Künstlers Schaffen die Einbildungskraft mächtig vor. Schon nach dieser Leistung
allein könnte man vermuten, daß ihn die Wiedergabe der ihn umgebenden, der mit dem Auge auf-
nehmbaren Welt nicht sonderlich reize. Und wirklich versagt er gegenüber der Natur, seine Bild-
nisse sind unähnlich, seine nach der Natur gezeichneten Landschaften unbeholfen und uninteressant.
Auch die Technik des Blattes belehrt uns weiter: wir haben es mit einem überaus fleißigen, auf
Nettigkeit und Ordnung bedachten Manne zu tun. Eine entschieden ornamentale Veranlagung ist
jedoch nicht geneigt, auf geistigen Inhalt zu verzichten. Birnbaum hat mit Kopien nach Zeichnungen
Gulbranssons und anderer Mitarbeiter des »Simplicissimus« begonnen und hat — bis auf einen
Monat bei Kardorff in Berlin — niemals Kunstunterricht genossen. Er ist also Autodidakt, und
zwar mit allen Vorzügen und Mängeln eines solchen.

Das hier an erster Stelle wiedergegebene Blatt des Künstlers ist ferner das Glied einer Kette.
Auch diesem Sachverhalt werden wir immer wieder begegnen. Birnbaum tut sich nur selten, fast
möchte man sagen: ausnahmsweise in einem einzelnen Werke Genüge. Er braucht mehr Raum, um
das auszudrücken, was ihm vorschwebt. Im vorliegenden Falle zählt die Reihe nur drei Glieder, aber
1915 wird dasselbe Thema nochmals aufgenommen, mit farbiger Feder, und da gibt es bereits fünf
Blatt, und 1917, als sich der Künstler abermals mit demselben Problem, dem er nun mit Pinsel und
farbiger Tusche zu Leibe rückt, beschäftigt, kommt er schon auf ein halbes Dutzend Einzeldar-
stellungen. Damit ist aber diese Aufgabe, die ihn nach wie vor lockt und ihm besonders zusagt, noch
lange nicht erledigt. Die 1925 nach der eigenen Tuschmalerei geschaffene farbige Originallithographie
■Von einem andern Stern«, die diesem Artikel als Tafel beigegeben ist, gehört eigentlich auch in
diese Reihe, und könnte Birnbaum so, wie er wollte, so würde er diese Folge unter dem Titel
»Sternenreise« zu einem Zyklus mit fünfzig Blatt ausarbeiten. Er hat bereits einen Zyklus, der
130 Blatt umfaßt, ausgeführt, den »Seelen-Spiegel«, er plant aber einen, die »Weltgeschichte in
Köpfen«, den er auf 2000 Blatt veranschlagt! Verfehlt diese Fruchtbarkeit nicht ihres Eindruckes,
so denkt man doch auch unwillkürlich an Goethes Mahnwort: »In der Beschränkung zeigt sich erst
der Meister«.

Die zeitlich nächst? hier wiedergegebene Arbeit ist das Blatt aus dem Zyklus »Ein Weg zu
Gott«. Diese Folge entstand im September und Oktober 1916 im Schützengraben bei Szcurowice

1 Vergl. über den Künstler Kranz Ottmann in den Graphischen Künsten, Jhg. XLIt (1919), S. 70 ff.

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