Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 50.1927

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ZWEI EHRENMITGLIEDER UNSERER GESELLSCHAFT

ALS JUBILARE:

MAX LIEBERMANN UND WILLIAM UNGER.

Am 20. Juli 1927 hat Max Liebermann in Berlin seinen 80., am 11. September William Unger
in Innsbruck seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Max Liebermann ist vor allem Maler. Was sein Pinsel hervorgebracht hat, überstrahlt seine
Radierungen und Lithographien, obzwar auch das von ihm als Peintre-Graveur geschaffene Werk
reichhaltig und bedeutend genug ist. Vornehmlich an Franzosen, die ihn ansprachen, geschult, hat
er sich zum Führer der deutschen Naturalisten emporgeschwungen, ist er die Verkörperung des
deutschen Impressionismus geworden. Einer der wenigen deutschen Künstler, denen auch das Aus-
land vollste Anerkennung zollt, gilt er in der deutschen Heimat (das Wort im weitesten Sinne
genommen) seit Jahrzehnten als einer der Besten und als der Vertreter der zeitgenössischen Berliner
Malerei. Seine bewundernswerte Kunst, die niemals einen Stillstand gekannt hat, wird von einer
machtvollen Persönlichkeit getragen, der von jeher Kampf und Herrschaft Bedürfnis waren.

Reicht vielleicht der Klang von Liebermanns Namen weiter, so steht dafür William Unger uns
Österreichern, uns Wienern menschlich näher. Obzwar im Reiche geboren, hat Unger doch durch sein
jahrzehntelanges Wirken zuerst an der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums und
dann an der Akademie der bildenden Künste das Wiener Kunstleben aufs nachhaltigste beeinflußt.
Seine Radierungen freilich (im Gegensatz zu Liebermann fast durchwegs reproduzierender Art) waren
und sind auch weit über die Grenzen der alten Monarchie hinaus bekannt und berühmt. Die besten
der heute noch in Wien tätigen Radierer nennen sich mit Stolz seine Schüler. Unger hat unserer
Gesellschaft, deren Verwaltungsrat er von 1896 bis 1918 angehörte, in einem liebenswürdigen Schreiben
dafür gedankt, daß sie ihmGelegenheit geboten habe, die seinerkünstlerischenEigenartentsprechenden
Werke zu schaffen, der Gesellschaft aber wird es, solange sie besteht, zur Ehre gereichen, daß sie
seine prachtvollen großen Blätter, di„e heute noch ebenso hoch geschätzt werden wie in den Tagen,
da sie entstanden, in ihren Verlag nehmen konnte.

Der Zufall, der es gefügt hat, daß William Unger und Max Liebermann hier zusammen genannt
werden, legt den Gedanken nahe, an den beiden außerordentlichen Männern nach verwandten,
gemeinsamen Zügen zu spähen. Und wirklich finden sich solche. Liebermann und Unger sind beide
vorbildliche Meister der Form, der Technik, die bei beiden, auch bei dem reproduzierenden
Radierer, als eine hervorragend malerische bezeichnet werden muß. Beiden ist die Kunst eines
Rembrandt und eines Frans Hals ein Ideal, zu dem sie bewundernd aufblicken. Sie begegnen einander
auch in der Verehrung für einen holländischen Meister des 19. Jahrhunderts: Jozef Israels. Lieber-
manns geistreiche und witzige Aussprüche sind weithin berühmt, weniger bekannt ist, daß auch Unger
seine treffsicheren Urteile in scharf und fein zugespitzte Sätze zu kleiden pflegt, und wenn Lieber-
mann zu wiederholtenmalen seine Ansichten über Kunst auch als glänzender Schriftsteller verfochten
hat, so überraschte Unger vor kurzem seine Freunde mit vorzüglich geschriebenenLebenserinnerungen,
die den Beweis erbrachten, daß auch er erfolgreich die Radiernadel mit der Feder vertauschen kann.

Das Alter ist eine Last. Um diese betrübliche Tatsache läßt sich auch mit den schönsten Worten
nicht herumkommen. Möge wenigstens diese Last die beiden verehrten Jubilare nicht allzu hart
drücken. Für die Fülle wertvollster künstlerischer Gaben, die sie unermüdlich beschert haben,
sei ihnen auch hier nochmals herzlichst Dank gesagt. A. W.

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