Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 53.1930

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BARTHOLOMÄUS STEFFERL.

» ... die künstlerische Überzeugung ist eine Glaubenssache und
hat auch ihre Fanatiker, die um so hartnäckiger an ihrer Meinung
festhalten, je hervorragender sie als Menschen sind.«

Eugene Delacroix.

Innerhalb derdeutschen Kulturwelt nimmt Österreich eine eigenartige Stellung ein.Die Wesensart
des »österreichischen Menschen« kennzeichnet sich durch seine stark betonte Sinnlichkeit, die
vielleicht auf dem Gebiete der Musik am deutlichsten in die Erscheinung tritt, aber auch in Mode,
Geschmack und gar manchen anderen Eigentümlichkeiten, die unter Umständen auch als Schwächen
gewertet werden mögen, sich fühlbar macht. Die Erklärung für diese Tatsache ist letzten Endes
durch die geographische Lage des Landes gegeben. Österreich wurde, wie der Name schon besagt,
als weit gegen den Süden und Osten vorgeschobenes Bollwerk deutscher Kultur gegründet und ist
dies politisch trotz aller Umwälzungen bis zur Stunde geblieben. Die natürliche Lage des Landes
brachte es mit sich, daß hier die deutsche Welt mit fremden, andersgearteten Kulturen in Berührung
trat, die eben durch ihre Fremdartigkeit und sinnliche Pracht auf den Nordländer starke Anziehung
ausübten. Die Deutschen sind vielleicht mehr als andere Nationen befähigt, fremde Art sich zu assi-
milieren. So kam es, daß hier in jahrhundertelanger Berührung mit südlichen Nachbarkulturen
das Deutschtum der Ostmark Anregungen erfuhr, deren Auswirkung sich in jener Beschwingtheit
des Geistes äußert, die den Österreicher von seinem nordischen Stammesgenossen so charakte-
ristisch abhebt. Dieser Assimilationsprozeß wurde noch besonders dadurch gefördert, daß die Träger
der deutschen Kultur des Landes ständig Blutmischungen mit den Nachbarvölkern eingingen. Der
auf deutscher Basis aufgebaute Völkerstaat Altösterreichs leistete diesem Verhältnisse bis auf unsere
Tage Vorschub, und auch die Genealogie des Künstlers, dem diese Zeilen gewidmet sind, bildet
einen interessanten Beitrag zu diesem Kapitel.

Bartholomäus Stefferl wurde zu Gleisdorf in Steiermark am 14. August 1890 geboren.
Sein Vater, Bartholomäus sen., der in Graz als Zimmer- und Dekorationsmaler tätig ist und als
Schüler von K. Damianos sich in einem kleinen Kreise als Landschafter einen geachteten Namen
machte, entstammt einer Bauernfamilie in Preloge bei Windisch-Feistritz. Sein Großvater stammt
ebenfalls aus der Südsteiermark und war mit einer Magyarin verheiratet. Der Urgroßvater jedoch
war ein französischer Kürassier, der zur Zeit der Napoleonischen Kriege verwundet im Lande zurück-
geblieben war und sich eine Slowenin zur Frau genommen hatte. Der Familientradition zufolge hieß
er Stefferly; im Laufe der Zeit habe der Name die dem deutschen Sprachgefühl geläufigere Form
Stefferl angenommen.

Des Künstlers Mutter war eine Deutsche aus Feldbach in Steiermark. Auch deren Vater, der
aus Krain stammte, war mit einer Deutschen, einer geborenen Rieglbauer, vermählt.

Das deutsche Blut, das unserem Künstler von seiner Mutter zufloß, bedingt wohl die Grund-
stimmung seiner Natur: zähe Zielstrebigkeit, gepaart mit Tiefe des Gemütes. Seine bewegliche

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