Hartlaub, Gustav Friedrich ; Giorgione
Giorgiones Geheimnis: ein kunstgeschichtlicher Beitrag zur Mystik der Renaissance — München, 1925

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11.

Jedes Zeitalter sucht in der Vergangenheit nur das mit besonderer Klar-
heit, wofür es selbst lebendige Vergleiche erlebt. Begreiflich, daß man heute
für das kultische Sozietätswesen früherer Zeiten noch am meisten dort ein
empfängliches Organ besitzt, wo derartiges — wenn schon nur in Ausläufern—
weiterwirkt. So verdanken wir, da das populär-okkultistische Schrifttum
unserer Tage fast ganz amerikanisiert ist und in oft schwindelhafter Weise
Spreu und Weizen durcheinander mischt, eigentlich nur den wissenschaft-
lichen Forschungen weniger freimaurerisch gerichteter Historiker das Wenige,
was wir wissen.

„Die Geschichte der italienischen Akademien, " sagt Ludwig Geiger in einer
Anmerkung zu Burckhardts Kultur der Renaissance, „ist noch zu schreiben.
Merkwürdige Andeutungen gab Ludwig Keller in den Monatsheften der
Comeniusgesellschaft." Die vielen Aufsätze und Notizen, die der bekannte
Historiker Archivrat Kel'er an der genannten Stelle veröffentlicht hat, sind
in einer Zeit verfaßt worden, da eine mehr philologisch gerichtete Tatsachen-
forschung einer universelleren, vielleicht auch intuitiven Betrachtung der Zu-
sammenhänge wenig günstig war.Die „merkwürdigen Andeutungen" Kellers,
getragen von einem bewunderungswürdigen Instinkt für historische Konti-
nuität, für das Gesetz der „Erhaltung der Kraft" und der Unzerstörbarkeit
„geprägter Form" auch in der Geistesgeschichte, beflügelt von dem Spürsinn
einer gewissen Kongenialität, zahllose mühselig zusammengetragene Einzel-
tatsachen in ahnungsvoller Gesamtschau in Zusammenhang bringend, wurden
zu ihrer Zeit sogar in Keller nahestehenden Kreisen oft verkannt. Vielleicht
ist erst heute die Stunde zur vollen Würdigung und Nützung der leider nur
allzu verstreuten Untersuchungen gekommen.

Kellers Forschungen zur „Vorgeschichte der Freimaurerei," 5) wenn man
so sagen darf, erstredten sich auf das gesamte geheime Gesellschafts- und
Sektenwesen in der abendländischen Geistesgeschichte. So auf die Akademien
der Platoniker im Altertum, die frühchristlidien Kultvereine, die gnostischen
Sekten mit ihrer Symbolik, die mittelalterlichen Bauhütten und ihre Zeichen
und Sinnbilder, die Waldenserund böhmischen Brüder, die Kultgesellschaften

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