Hartlaub, Gustav Friedrich ; Gogh, Vincent van [Ill.]
Vincent van Gogh: Rohrfederzeichnungen — Hamburg, 1948

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er von Vincent van Gogh spricht, denkt an seine Gemälde,

v » seine Farben, jenes neue Evangelium der Malerei, von dem
er selber in seinen brieflichen Selbstzeugnissen zu künden nicht
müde wird. So etwa, wenn er sein „Cafehaus" beschreibt: „Ich
versuchte mit dem Rot und dem Grün die schreckliche Leiden-
schaft der Menschen auszudrücken . . ., daß das Cafe ein Ort ist,
wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann. Ich ver-
suchte es durch die Gegensätje von zartem Rosa, Blutrot und
dunkelroter Weinfarbe, durch ein süßes Grün ä la Louis XV und
Veroneser Grün, das mit Gelbgrün und hartem Blaugrün kon-
trastiert . . ."

Ist es wahrscheinlich, daß uns ein Künstler, der solches träumte,
der so malte, etwas Selbständiges, Wesentliches auch als Zeich-
ner, also unter Verzicht auf Farbe überhaupt, allein mit
Schwarz und Weiß zu sagen hat? Konnte die Zeichnung mehr bei
ihm bedeuten als etwa bei den französischen Impressionisten,
von denen er doch bei seinem Aufenthalt in Paris so wichtige
Antriebe erhalten hat? Freilich existieren von Vincents Hand
eine auffallend große Anzahl von Handzeichnungen, aus der
holländischen Zeit sowohl wie aus den beiden Schicksalsjahren
in Frankreich, vor seinem Untergang. Aber da sie der Künstler
häufig mit handschriftlichen Farbangaben versehen hat, könnte
man meinen, daß er bei alledem doch nur an Vorarbeiten zu Ge-
mälden gedacht hat, Vorstudien, in denen er das kompositio-
neile Gerüst in seinen Abmessungen und Verhältnissen, die
linearen Umrisse eintrug, welche später in größerem Maßstab
die Farbe umschließen sollten — als das Element, welches sie
erst richtig zum Leben erweckt!

So verhält es sich indessen doch nicht. Wohl hat der Meister
häufig, so auch in seinen Briefen mit ibren vielen beigefügten
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