Hartlaub, Gustav Friedrich
Der Gartenzwerg und seine Ahnen: eine ikonographische und kulturgeschichtliche Betrachtung — Heidelberg, 1962

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Der Märchenzwerg im Spiegel der Kunst

Zunächst einige Erinnerungen an den nur mittelbaren - wenn auch
edleren und echteren - Vorfahren unserer heutigen Gartenzier, des
Zwerges also, den der natursichtige Mensch oder, wenn man will, die
Volksphantasie wohl überall auf der Welt erschaut hat: jenen Archetypus
unseres kollektiven Unterbewußtseins, ursprünglich von den Trägern des
Mythos und der Sage, zuletzt noch im Volksaberglauben für wirklich
gehalten, im Volksmärchen dann aber schon in das Zwielicht zwischen
Realität und Erdichtung geraten.

Überall erscheint dieser Zwerg als ein chthonisches Wesen, eines, das
im Erdinneren mit seinen Höhlen, Grotten und Gruben, oder doch in
deren Bereich, im Waldesversteck haust.

Dabei scheint freilich auch eine mehr reale Erfahrung mitgesprochen zu
haben, gleichsam den a priori in uns angelegten Ideenrahmen mit kon-
kreten Bestätigungen erfüllend. Abnorm kleine Menschen haben, wie
uns die Ethnologen bestätigen, zum Beispiel im Inneren von Afrika, wo
schon die Ägypter ihnen begegneten, wirklich existiert, leben dort heute
noch als Zwergvölker, deren Körpermaße die Einbildungskraft und das
Gerücht vom Hörensagen noch weiter ins Winzige untertrieben und so
ins Märchenhafte hat übergehen lassen. Möglich, daß gewisse früh-
antike Kulturnationen, etwa die eben genannten Ägypter, Angehörige
solcher Völker, soweit man ihrer habhaft werden konnte, zu Bergwerks-
arbeiten verwandt haben, weil sie sich natürlich in den engen Stollen
und Gruben, die man nicht größer anzulegen wagte, am besten beweg-
ten. Man hat an zwergwüchsige Sklaven gedacht, die im minoischen
Kreta des 2. Jahrhunderts eingeführt sein mochten - wobei an die be-
rühmten Goldarbeiten etwa von Mykene erinnert worden ist. In der Tat
gelten wandernde kretisch-ägäische Goldsucher, nach aufgefundenen
Kultgegenständen und auch nach angeblich vielerorts entdeckten selt-
sam kleinen Schürfwerkzeugen, als »die ersten Schürfer in Mitteleuropa«,
die dann als metall- und zauberkundige Zwerge in der Erinnerung fort-
gelebt haben sollen. Der griechische Geograph Strabo fabelt von
idäischen Daktylen, fingergroßen Menschlein, die im kretischen Berge
Ida gewirkt hätten. Ihre realen Urbilder sollen, wie ein Historiker der
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