Herfarth, Christian [Editor]; Bartsch, Helmut [Editor]; Universitäts-Gesellschaft <Heidelberg> [Editor]
Heidelberger Jahrbücher: Gesundheit — Berlin , Heidelberg , New York, 50.2006 [erschienen] 2007

Page: 216
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2i6 Volker Ewerbeck und Marc Thomsen

die Erkrankungen des menschlichen „Mechanosystems" auch in den Industri-
eländern sowohl medizinisch als auch ökonomisch eine gewaltige Rolle spie-
len. In Deutschland sind mehr als 50 Prozent aller Bürger, die älter als 50 Jahre
sind, von mindestens einer Erkrankung der Haltungs- und Bewegungsorgane
betroffen. Jeder zweite Mensch über 60 Jahre ist von Arthrose betroffen. Verlet-
zungen und Erkrankungen der Haltungs- und Bewegungsorgane verursachen
mit 42 Prozent den größten Anteil der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland.
In der Europäischen Union verursachen 3,5 Millionen Verletzte jährliche Ge-
samtkosten in Höhe von 166 Milliarden Euro. In Deutschland werden ca. 20 Pro-
zent aller direkten Krankheitskosten durch Erkrankungen und Verletzun-
gen der Bewegungsorgane verursacht. 42 Prozent aller Arbeitsunfähigkeiten,
42 Prozent aller Rehabilitationsleistungen und 30 Prozent aller Frühberentun-
gen erfolgen wegen Funktionsstörungen unseres biomechanischen Grundge-
rüstes.

Eine sehr enge Beziehung besteht zwischen der Häufigkeit von Verschleiß-
erkrankungen der Bewegungsorgane und der demographischen Entwicklung
in den Industrieländern. Als Beispiel möge der behandlungspflichtige Gelenk-
verschleiß dienen: Einer der Hauptrisikofaktoren, eine Arthrose zu entwickeln,
ist das Alter. Zurzeit erhalten ca. 5 von 1000 Bürgern im Alter zwischen 75 und
84 Jahren ein künstliches Hüftgelenk. Gegenwärtig leben etwa 3,2 Millionen
80-jährige Bürger in Deutschland. Im Jahre 2050 werden es 9,1 Millionen sein.
Wenn bis dahin keine anderen Wege gefunden worden sind, eine Arthrose zu
heilen, ist davon auszugehen, dass dann nicht 180 000 künstliche Hüftgelenke,
wie bisher, in Deutschland benötigt werden, sondern etwa 300 000. Wir haben
also ein medizinisches Mengenproblem und darüber hinaus einen bedeuten-
den Wirtschaftsfaktor vor uns. Und dies als Folge eines unerwünscht schlechten
Zusammenspiels von Biologie und Mechanik. Und ob im Jahre 2050 die dann
implantierten 300 000 künstlichen Hüftgelenke für den Rest des Lebens ih-
rer Träger das tun, was sie sollen, ist wiederum eine Frage des differenzierten
biomechanischen Erkenntniszuwachses.

Alles geklärt auf dem Gebiet der Gelenkendoprothetik?

Die Geschichte des Gelenkersatzes begann vor 116 Jahren mit Themistokles
Gluck, der einen Ersatz aus Elfenbein für tuberkulös zerstörte Hüft- und Knie-
gelenke entwickelte. Der Versuch scheiterte. Es dauerte fast fünfzig Jahre bis
1938 Philip Wiles eine von ihm entworfene Hüfttotalendoprothese aus Metall
implantierte.

Anfang der fünfziger Jahre wurde die Entwicklung der Hüftendoprothetik
kontinuierlich vorangetrieben. Sir Lord Charnley führte 1956 erstmals Poly-
methylmetacrylat (PMMA) als „Knochenzement" ein, wodurch eine stabile
Verankerung von Schaft und Pfanne erreicht werden konnte. 1962 beschrieb
er das Prinzip der "low friction", bei dem ein harter Metallkopf mit einer wei-
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