Herfarth, Christian [Editor]; Bartsch, Helmut [Editor]; Universitäts-Gesellschaft <Heidelberg> [Editor]
Heidelberger Jahrbücher: Gesundheit — Berlin , Heidelberg , New York, 50.2006 [erschienen] 2007

Page: 289
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Plastische Chirurgie auf neuen Wegen

GÜNTER GERMANN UND CHRISTINA LUTHER

Die Plastische Chirurgie in ihrem konstanten Streben nach Evolution und Op-
timierung ihrer eingesetzten Verfahren war zu den verschiedensten Epochen
der Schrittmacher für viele Bereiche der rekonstruktiven Medizin, die für die
betroffenen Patienten sieht- und fühlbar waren. Dies zieht sich von der ersten
Beschreibung des sog. Indischen Stirnlappens (600 n.Chr.), der noch heute in
fast unveränderter Form zur Nasenrekonstruktion Anwendung findet, über die
aus dem Mittelalter stammenden Nasenrekonstruktionstechniken von Taglia-
cozzi,Baranca und Feinbein bis zu den genialen Konzepten zur Rekonstruktion
von Gesichtern, vor allem von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, von Esser
und Joseph, deren Techniken auch heute, über 80 Jahre später, noch nicht aus
dem Repertoire des rekonstruktiv-plastischen Chirurgen wegzudenken sind
[11,26,36,45].

Schon früh träumte man von der Möglichkeit, verloren gegangene Extre-
mitäten zu ersetzen. Die berühmteste Darstellung dieses Traums findet sich
in einem spätgotischen Tafelbild aus Ditzingen, das die Heiligen Cosmas und
Damian bei der Transplantation eines Mohrenbeins auf einen weißen Patien-
ten darstellt. Dies zeigt schon damals die Vision der Transplantation fremder
Gliedmaßen und Organe und hat die Plastischen Chirurgen seitdem nie mehr
ruhen lassen (Abb. 1).

Einen vorläufigen Höhepunkt stellte dabei die erste humane Nierentrans-
plantation 1954 durch den Plastischen Chirurgen Joseph Murray in Boston dar,
der für sein Lebenswerk als bisher einziger Plastischer Chirurg den Nobelpreis
erhielt. Mit der Entwicklung der Mikrogefäßchirurgie gelang es, abgetrennte
Hände, Füße oder Finger wieder anzunähen und damit vielen Patienten eine
funktionsfähige Extremität zu erhalten. Auf die Transplantation allogener Ex-
tremitäten als derzeit letzter Meilenstein dieser Entwicklung wird an anderer
Stelle eingegangen.

Die späten siebziger und frühen achtziger Jahre waren geprägt von der Ein-
führung mikrochirurgischer Transplantationstechniken in die klinische Rou-
tine. Damit war es zum ersten Mal möglich, auch komplexe drei-dimensionale
Defekte nach Unfall- oder Tumorresektionen in einer einzeitigen („One-
Stage") Transplantation zu rekonstruieren. Es konnten Extremitäten erhalten
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