Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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eilelberger


2, L.
llelei.

Nr. 2.

Mittwoch, den 6. Januar 1869.

2. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr.
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Möwenpriis

Eine ſchleswig'fche Geſchichte von Maria v. Roskowska

(Foriſetzung)

Dame und verließ gleichfalls das Gemach. - Der Ma-
giſter trat zu ſeinem Collegen. "Sie wird ſich doch
ſträuben," flüſterte er. "Aber auf die Dauer geſchieht
es ſicherlich nicht -" fügte er ſelbſtgefällig bei. "Und
beim Möwenpriis benutze ich die Gelegenheit - -
Aber ich glaube, Du haſt noch gar nicht davon ge-
ſprochen, daß wir hinaus wollen?" unterbrach er ſich
ſelber in ziemlich gebieteriſchem Ton.
Jch fand noch nicht Zeit und meine Frau wird nicht
wollen - zumal jetzt. Sie ſcheint den Möwenpriis
nicht beſonders zu lieben."
"Hm - Du erzählteſt mir ja wohl, Du hätteſt
ſie an dieſem Tage kennen gelernt oder wieder geſehen.
Vielleicht darum?" Sein Ton war ironiſch, der ver-
ſchmitzte Blick lauernd. "Es iſt Deine Sache, ſie.
gleichviel wie - dazu zu bringen. Wenn Deine Macht
als Hausherr nicht einmal ſo weit reichen ſollte! Kann
ich jetzt mit Hilda reden und finde ich ſie vernünftig,
ſo iſt's übrigens gar nicht nothwendig." Damit begab
auch er ſich in den Garten.
Ellſtädt fuhr mit der Hand halb unmuthig, halb
nachdenklich durch das dichte, etwas verworrene Haar;
ſeine Blicke ſchweiften inzwiſchen durch das Zimmer
und blieben auf dem Schlüſſelkörbchen auf dem Näh-
tiſch ſeiner Frau haften. Er wußte, daß einer der
kleinen Schlüſſel das Fach ſchließe - wie unbedacht
alſo von Helene, die Schlüſſel hier zurückzulaſſen, wenn
ſie da drinnen wirklich Geheimniſſe vor ihm bergen
wollte.
Er griff nach dem Bunde und zögerte doch auch
wieder. "Darf eine Frau Geheimniſſe haben vor ihrem
Mann?" murmelte er dann und begann haſtig die
Schlüſſel zu probiren. "Jch bin vollkommen in mei-
nem Rechte. - War ſie doch ſonſt offen genug, zu
offen! Wie trocken ſagte ſie mir damals zum Beiſpiel,
daß ſie mich nicht liebe, nie lieben werde. Teufel,
wenn ich daran denke, ſehe ich ein, daß Uleſen Recht
hat, ich ihr immer zu ſehr nachgab. Aber ſie ſoll ſe-
hen, daß ich nicht unter ihrem Commando ſtehe. Jſt's
doch auch gar zu auffallend! Bei dem hübſchen Zu-
ſchuß von der Mutter dürfte ſie nicht ſo kargen, mir
nicht Schande machen mit ihrer einfachen Toilette.
Denken die andern doch ohnehin mehr zu ſein, über
die Achſeln auf uns herabſehen zu können. Und als
ich neulich darauf beſtand, ſie müſſe ein neues Kleid
haben, nahm ſie das Geld und - kaufte ein Kleid.
"Habe es gut angelegt," war Alles, was ich aus ihr
herausbringen konnte. Bin ich denn nicht ſoweit Herr -"

Uleſen lachte; ihn amuſirte die eheliche Scene offen-
bar höchlich.
Hilda erhob ſich unmuthig "Eigenthümliche Ma-
nieren das, Schwager! Und was Sie daran Komi-
ſches finden, Herr Magiſter Uleſen, das begreife ich
auch nicht. Wüßte nicht, daß eine Frau verpflichtet
iſt, überhaupt ein Wirthſchaftsbuch zu führen und wenn
ſie eins führt, es dem Heren Gemahl gegen ihre Nei-
gung vorzulegen. Geben Sie denn Helene Rechenſchaft
über Jhre Ausgaben, Ellſtädt?"
"Sie würden ſich alſo gegen Jhren Zukünftigen
auch ſo benehmen, Fröken Hilda? Ei, ei, da gratu-
lire ich ihm." Der Magiſter ſuchte durch ſeinen Ton
den Vorfall in's Scherzhafte zu ziehen."
"Jch hoffe, mein Zukünftiger wird ſich weder um
die Wirthſchaft bekümmern, noch mich zu etwas nöthi-
gen wollen, was mir nicht, in Gegenwart eines Frem-
den nicht gefallen kann."
Die Mutter winkte ängſtlich, der Schwager warf
ihr einen finſtern Blick zu. Sie beachtete weder das
Eine, noch das Andere, fuhr mit ihrer kecken Unbefan-
genheit fort:
"Jch hoffe das nicht nur, ich bin davon überzeugt.
Denn ich werde nie und unter keinen Umſtänden einen
Mann heirathen, dem ich nicht vollkommen vertraue,
den ich nicht zärtlich liebe. Da wird alſo von derar-
tigen Conflicten nie die Rede ſein können, Herr Ma-
giſter."
Die alte Dame befand ſich in der peinlichſten Ver-
legenheit. Ellſtädt war erbleicht. Er wollte heftig er-
widern, bezwang ſich jedoh und ſchwieg. Uleſen ſagte
vorwurfsvoll:
"Jn Gegenwart eines Fremden! So bin ich Jhnen
alſo noch immer ein Fremder, Fröken Hilda?"
Sie ſchaute ihn groß an. Ein verwundertes: "Nun,
was denn?" ſchwebte auf ihren Lippen. Der glühende
Blick, welchem ſie begegnete, ſchien ihr jedoch eine
Ahnung von ſeinen Empfindungen zu geben und ſie
dadurch völlig aus der Faſſung zu bringen. Ohne zu
antworten, in der lebhafteſten Verwirrung, eilte ſie
hinaus, in den Garten.
"Will einmal nach Helene ſehen!" äußerte die alte
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