Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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ellnn.

Nr. 6.

Mittwoch, den 20. Januar 1869.

2. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bei den Trägern Auswörts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Möwenpriis.

Eine ſchleswig'ſche Geſchichte von Maria v. Roskowska.
(Fortſetzung.)

brach er ab und blickte ſie prüfend an. Anſcheinend
bemerkte ſie Beides nicht.
"Jn Wahrheit die ſchönſte Gelegenheit, um unſere
alte Stadt kennen zu lernen, lieb zu gewinnen. - Und
nun lange nicht?"
"Sehr lange nicht!" Die kurze Art ſeiner Ant-
worten konnte für abweiſend gelten.
Sie faßte es ſo auf, erröthete über ihre Jndis-
eretion und wollte ſich nach leichter Verneigung ab-
wenden.
Er knüpfte das Geſpräch wieder an und ſagte nun
ſeinerſeits: "Sollte ich nicht bereits das Vergnügen
gehabt haben, Sie irgendwo zu treffen, mein Fräulein?
Aber nein, Sie ſind viel zu jung. Dennoch erſchienen
Sie mir gleich beim erſten Blick ſo merkwürdig be-
kannt. Es iſt, als ſei mir Jhr Namen nur entfalen."
Sein Blick enthielt die Aufforderung ihn zu nennen
Eine brennende Röthe flammte in ihrem Geſicht
auf. "Da Sie Schleswig früher gekannt haben, müſſen
Sie es jetzt ſehr verändert ſinden. Jch erinnere mich
der einſtigen beſſern Zeiten freilich nicht mehr, aber
meine - Verwandten ſind voll ihres Lobes, empfin-
den es mit tiefem Schmerz, daß es nun ſo anders iſt.
Das haben Jhnen gewiß alle Bekannten geſagt."
"Jch kam mit dem letzten Zuge erſt an und ſprach
noch Niemand, werde überhaupt nicht viele Bekannte
mehr finden." Sein Blick verdüſterte ſich.
Sie ſchaute bedeutſam zu ihm auf. "Es haben frei-
lich damals, ich meine nach der Schlacht bei Jdſtedt,
viele wohlhabende Familien, viele auf immer, die
Stadt verlaſſen; hieß es doch, ſie ſollte angezündet
werden. Seitdem die Behörden verlegt wurden, iſt
Schleswig vollends verödet. Von zwanzig Advokaten
blieben nur drei. Freilich -"
"Wir kennen einander alſo doch wirklich?" fragte
er raſch. "Und ich komme nicht auf Jhren Namen!"
Wieder gerieth ſie in Verlegenheit. "Nein, ich ver-
muthe nur, daß Sie Schleswig ſeit damals nicht wie-
der geſehen haben!"
"Und warum Das?"
"eil auch mir iſt, als müßte ich Sie ſchon ge-
ſehen haben. Und wäre ich damals nicht noch ein
Kind geweſen, ſo würde ich mich Jhrer deutlicher er-
innnern."
Es zog wie eine Wolke über ſeine Stirn und die
raſche Bewegung ſeiner Züge verrieth faſt Erſchrecken.
"Jch glaube gar, Sie halten mich für einen Schleswie-
Holſteiner oder vielmehr, da man ſo ja nicht mehr

Augenſcheinlich beſchäftigten ihn Betrachtungen mehr
noch als Betrachtung, und zwar ernſte ſchmerzliche Be-
trachtungen, wie ſein Antlitz verrieth. Er mußte hier
nicht fremd, und doch ein Fremder ſein. Obwohl ſie
zurückgezegen lebten, fällt eine Perſönlichkeit wie dieſe
doch in einem Ort von wenig mehr als zehntauſend
Einwohnern bald auf, kennt man die meiſten Leute
von Anſehen.
Die Arme übereinander gekreuzt, den Hut in der
Hand, als ſei ihm zu warm geworden, blickte er bald
nach Buſtorf hinüber, bald auf den Möwenberg hinab.
Der ſtarke dunkelbraune Vollbart verhüllte den untern
Theil des tiefgebräunten Geſichts; er ſpielte wie das
Haupthaar ſchon etwas in's Graue. Die ſcharf ge-
ſchnittene Naſe, die großen grauen Augen und nament-
lich die breite, vorſpringende, nur leicht gefurchte Stirn
verriethen ſowohl Charakter wie Begabung; die hohe
Figur hatte trotz ihrer Stattlichkeit in der Schnell-
kreft ihrer Bewegungen etwas Jugendliches, das mit
dem ergrauenden Haar ſeltſam contraſtirte. Es zeigte
ſich in der Lebhaftigkeit, mit welcher er ſich jetzt um-
wandte. Einen ſo ſcharfen prüfenden Blick, wie es
die gute Lebensart irgend geſtattet, heftete er auf
Hilda's Geſicht, grüßte nach augenhlicklichem Zögern
artig und warf eine Bemerkung über die Landſchaft
hin. Der Klang ſeiner Stimme ſprach ſie eigenthüm-
lich an, ſie wußte nicht, ob bekannt oder ſympathiſch,
aber ſie antwortete angeregt. Einige Worte über die
liebliche Lage Schleswigs wurden gewechſelt.
"Möwenpriis!" ſagte er, wie zu ſich ſelber und
blickte auf die Jnſel hinab.
"A's Fremder ſollten Sie das Volksfeſt nicht ver-
ſäumen," rieth ſie. "Es iſt für unſere Stadt, was
der Jahrmarkt zu Brarup für Angeln."
"Jch weiß, kenne es von früher her." Sichtlich
hätte er mehr ſagen können, brach jedoch ab.
"Jch ſah es Jhnen ſogleich an, daß Sie hier nicht
fremd ſind."
"War öfter hier, zuerſt ſchon 1844, zu dem großen
Sängerfeſt, bei dem zum erſten Mal die ſchleswig-hol-
ſteiniſche Fahne wehte. Dann vier Jahre darauf -"
Die raſea Worten ſchienen ihn zu gereuen; wieder
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