Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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Der ſo thätigen Antheil an dem Aufruhr nahm, deſſen
Sohn ſogar gegen ſeinen Herrn und König focht und
dann flüchtete? Aber ich bitte um Entſchuldigung,
dachte nicht daran, daß - -" Er brach ab und drehte
ſich nach der Hausfrau um.
Sie hatte das Zimmer verlaſſen.
"Habe mich ſchon ſo oft gewundert, wovon der
Menſch lebt, fügte er dann hinzu.
Hilda war im Begriff, hinaus zu gehen, wandte
ſich jedoch wieder. "Meinen Sie, daß er nicht Freunde
hat? Oder wird ſein Sohn ihn darben laſſen?"
"Sein Sohn!" Er zuckte die Achſeln. "Fröken
Hilda, meinen Sie, daß wir Briefe eines ſolchen Auf-
rührers in's Land, oder vielmehr an ihre Adreſſe kom-
men laſſen?"
Ellſtädt machte eine Bewegung. Wie Spott zuckte
es um ſeine Mundwinkel und doch auch wie Zorn und
Schmerz. "Hm ja, verſteht ſich - Niemand darf und
kann Verbindungen mit einem Geächteten unterhalten!"
murmelte er ironiſch.
Es ging den beiden Anderen verloren, denn Hilda
rief gleichzeitig: "Nennen Sie mich gefälligſt nicht
"Fröken", Herr Magiſter Uleſen. Bin keine Dänin,
ſondern eine ſimple Schleswigerin, die das deutſche
Fräulein lieber hört." Damit ſchloß ſſie die Thür
hinter ſich. Die Kleine war ihr ſchon vorausgeeilt
zur Großmutter, um gleich eine Geſchichte zu erbitten.
"Du ſiehſt, Ellſtädt, es geht nicht anders; ſie iſt zu
eigenſinnig, ich muß dieſen Trotz erſt brechen." Uleſen
ſprach in der Aufregung lauter, als er ſonſt zu der-
gleichen vertraulichen Mittheilungen geeignet hielt. "Das
Sicherſte iſt, wie ich vorhin ſagte, ſie öffentlich, vor
all' den Leuten, die an und auf dem Möwenberg ver-
ſammelt ſind, zu umarmen und zu küſſen."
"Nicht ſo laut, Uleſen. Und wenn ſie Dir dann,
wie ich vorhin bemerkte, öffentlich, vor all' den Leuten,
eine Ohrfeige giebt, eine ganz gerechtfertigte Antwort
auf ein ſolches Attentat? Reſolut genug iſt ſie dazu."
"Ah bah, ſie wird zu überraſcht ſein. Und hält
alle Welt ſie einmal für meine Braut, ſo hört ihre
Sprödigkeit natürlich von ſelber auf. Man muß die
Weiber nur zu behandeln wiſſen. Giebt Deine Frau
nicht nach, nun Du entſchieden auftrittſt?"
Elſtädt lachte heiſer und faßte mit der Hand nach
dem Papier in ſeiner Bruſttaſche.
(Fortſezung folgt,)

wohin er ihn fahren ſolle. Der Engländer drehte ſich
um und konnte einen Ausruf der Verwunderung nicht
unterdrücken, ſo daß er ſelbſt auf die wiederholte Frage
des Kutſchers keine Antwort gab. "Wie heißt Du?"
fragte endlich der Lord. - "Georg!" - "Treibſt Du
dies Geſchäft aus Liebhaberei?" - "Nein; die Noth
zwingt mich dazu." - "So gäbſt Du es wohl auf,
wenn ſich eine paſſende Gelegenheit dazu böte?" -
"Jch bin Familienvater und mußarbeiten!" - "Wenn
ich Dir nun aber ſo viel gäbe, daß Du leben könnteſt
ohne zu arbeiten?" - "Sie ſpotten!" - "Keineswegs.
Sag', wie viel gebrauchſt Du um müſſig gehen zu
können?" - Der Kutſcher lächelte dumm und der
Lord fuhr fort: "Glaubſt Du, ich würde Dich mit
dem Geſichte, das Dir die Natur gegeben hat, länger
in Deiner Stellung laſſen, die mich in meinem Theuer-
ſten herabwürdigt?" Sag' alſo an, was verlangſt Du?"
- Der Kutſcher glaubte es mit einem völlig verrück-
ten Engländer zu thun zu haben, er lächelte alſo im-
mer nur ohne zu antworten. "Wenn ich Dir Deine
Arbeit abkaufen wollte," fuhr der Engländer erzürnt
fort, würdeſt Du Deine Vedingungen längſt geſtellt
haben; da ich Dir aber das Nichtsthun bezahlen will,
findeſt Du keine Worte: Sind tauſend Franes genug?"
"Das iſt wenig," entgegnete der Kutſcher, ohne im
Mindeſten zu ahnen, wo hinaus der Engländer wollte.
"Für noch einmal ſo viel würde ich nicht Nein ſagen."
- "Gut, zweitauſend Franes!" ſagte der Engländer;
dann riß er ein Blatt aus ſeinem Rotizbuche und
ſchrieb darauf an ſeinen Bankier: "Haben Sie die
Gefälligkeit, für den Menſchen, der Jhnen dies über-
bringt, für zweitauſend Franes Renten zu kaufen.
Für dieſes Geld macht er ſich verbindlich, erſtlich ſich
anſtändig zu kleiden und dann für alle Zeit jedem
Geſchäfte zu entſagen, das zu dem Vermögen nicht
paßt, welches ich ihm geben will und das er ſeiner
glücklichen Phyſiognomie verdankt." Dies übergab er
dem Kutſcher und ließ ſich bei dem nächſten Kaffee-
hauſe ausſetzen. Georg wußte erſt nicht, was er denken
ſolle, unterließ es aber doch nicht, den Gang zu dem
bezeichneten Bankier zu thun. da er hoffte, wenigſtens
die Löſung des Räthſels oder der Myſtication zu er-
fahren. Zu ſeiner großen Verwunderung nahm der
Bankier die Sache ganz ernſthaft und beſtellte ihn für
den nächſten Tag wieder, um die Renten in Empfang
zu nehmen und ſich ſchriftlich zu verpflichten, die Be-
dingungen unter denen er das Geld erhalten, treu zu
erfüllen. Später gingg er mit Frau und Kindern zu
dem Engländer, um für die ihm erzeigte Wohlthat zu
danken. Dieſer frühſtückte eben mit einem Freunde,
dem er erzählte: "Das Geſicht des Mannes da koſtet
mir jährlich 2000 Francs!" - Sie ſcherzen! Warum?" -
"Damit er durch ſeinen Stand nicht länger das edle
Antlitz meines Vaters verunehre. Woher er die auf-
fallende Aehnlichkeit mit einem engliſchen Peer hat,
mag der Himmel wiſſen!"

Aehnlichkeit.

Einer der reichſten engliſchen Lords, der ſich eben
in Paris auſhält, wurde vor einigen Wochen auf der
Straße von einem Regenguſſe überraſcht und ſah keine
andere Rettung, als in den erſten deſten Cab zu ſprin-
gen. Der Kutſcher, der bei dieſem Wagen hoch oben
tzt, bückte ſich zu dem Fremden herab und fragte,
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