Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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Blau ſchimmert inzwiſchen lockend durch das Ried,
ſcheint ſich jedoch zu entfernen. Glücklich erreicht er
es endlich, zm zu erkennen, daß es - die Pantalons
eines Musketiers ſind.

der Menge. Lächelnd entſchuldigte er ſein Ungeſtüm
Die Boote rannten an einander, jedes wollte, ohne
Rückſicht auf die andern, das erſte am Lande ſein.
Manchen Jagdliebhabern ging es dennoch zu langſam
vorwärts, ſie ſprangen über Bord in das ſeichte Waſſer,
wateten durch den Schlamm, ſchüttelten ſich am Ufer
ein wenig und eilten weiter, um die Möwenneſter aus-
zunehmen. Jn unglaublich kurzer Zeit wimmelte es
auf dem Eiland von Menſchen, füllten die Burſchen
und Männer ihre Körbe, Netze und Jagdtaſchen mit
der nackten Brut, die piepend die rothen Schnäbel auf-
ſperrten. Auch die Musketiere ſuchten eifrig mit. Jhnen,
die wie all ihre Landsleute von den Schleswig-Holſtei-
nern als Hungerleider betrachtet werden, mochte das
nicht beſonders ſchmackhafte, thranige Fleiſch eine will-
kommene Speiſe ſein, denn die jungen Möwen werden
gegeſſen, nachdem ſie einige Stunden mit Salz und
Peterſilie gekocht. Die meiſten andern aber betrieben
den Fang lediglich, weil es eben "Möwenpriis" war,
ſo hergebracht ſeit undenklichen Zeiten, ein Volksfeſt,
auf das ſich nicht allein die Jugend ſchon lange vor-
her freut, ſo wenig blutdürſtig das friedliche Volk
Schleswigs ſonſt auch iſt.
Luſtig knatterten die Schüſſe in den allgemeinen
Jubel hinein. Das Ziel war der ängſtlich durchein-
ander flatternde Möwenſchwarm. Wer ſo glücklich war,
etwas Schießgewehrartiges zu beſitzen, knallte munter
darauf los, ſo lange die Munition ausreichte. Selbſt
feine Herren nahmen an dem Vergnügen Theil, unge-
ſtört dadurch, daß die übermüthige, nur auf die nie-
dere Jagd, auf die unbefiederte Brut beſchränkte Ju-
gend ſie bei Fehlſchüſſen auslachte
Auch der Magiſter, von der Manie angeſteckt, ver-
ſuchte ſich eifrig in - Fehlſchüſſen. Vielleicht auch
hatten die Worte der jungen Frau ihn zu dem Jagd-
eifer angeregt, denn Helene, aus ihren Gedanken ſich
mit Macht emporraffend, war plötzlich wieder geſprä-
chig, munter, liebenswürdig geworden in ſo hohem
Grade, daß er darüber Hilda vergaß. Endlich ertlärte
er: das Schwanken des Bootes, in welchem er mit
ihr und Ellſtädt zurückgeblieben war, hindere ihn am
Zielen, und ſtieg gleichfalls an's Land. Eilfertig
ſtürzte er ſich in die wimmelnde Menge. Eben hatte
er den Vater des Gymnaſiaſten, den Gutsbeſitzer Thom-
ſen, erbiickt und war dadurch an den Sohn erinnert
worden. Bald entſchwand er, zu Helenens ſichtlicher
Erleichterung, ihren Augen.
Da ſchimmert etwas Blaues! Der Magiſter ſtürzt
darauf zu. Es iſt jedoch nicht Hilda's Hutband, ſon-
dern die Uniform des Hardesvogtes, der in dem lär-
menden Gewühl mit majeſtätiſcher Ruhe daſteht und
aus einem koſtbaron Meerſchaumkopf raucht. Aber jetzt
irrt er nicht. Hilda ſcheint am Boden zu kauern, mit
einem Möwenneſt beſchäftigt. Wieder ſtürzt er vor-
wärts, ſtolpert in der Eile über einen Schuſterbur-
ſchen, den das hohe Gras verbarg, und wäizt ſich im
nächſten Augenblick, zum jubelnden Ergötzen der Nächſt-
befindlichen, mit ihm auf der Erde. Scheltend rafft
er ſich auf und wird in derſelben Münze bezahlt. Das

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Beflügelten Schrittes eilt Hilda bergan und ſteht
erſt athemſchöpfend ſtill, als ſie die Allee längs des
Hügelkamms über den Lollfuß erreicht hat. Sonſt gilt
ihr erſter Blick der entzückenden Ausſicht über die
Schlei und ihre ſchönen Ufer, jetzt blickt ſie geſpannt
hinab. Nicht nach der Altſtadt, woher ſie kam, oder
nach dem Möwenberg, um den ſich ſchon Boote zu
ſammeln beginnen, ſondern nach einem der Häuſer in
der Straße drunten, oder vielmehr nach dem Garten
dieſes Hauſes, der ſich den Berg hinaufzieht.
"Noch ſehe ich ſie nicht! Wo ſie nur ſo lange blei-
ben mag? Es war doch wohl unklug, ihr das Schrei-
ben anzuvertrauen; vielleicht kann ſie ertappt und in
ihrer Unſchuld zur Verrätherin ihrer Mutter werden!"
Voll lebhafter Unruhe haftet ihr Auge an dieſem Grund-
ſtück; dann leuchtet es auf. "Da iſt ſie! Aber mit
wem plaudert ſie denn?"
Anna iſt im Garten ſichtbar geworden; die Perſon
mit der ſie redet, verdecken jedoch Bäume und Büſche.
"Ob ich hinabgehe, ſie abrufe? Nein, es könnte
den Verdacht der Nachbarſchaft erregen, ſähe man mich
dort mehr als einmal und vorübergehend. Mich ken-
nen die Leute - ein Kind fällt weniger auf. Sie wird
doch hoffentlich nichts ausplaudern und bald kommen!
Ah!"
Erſchreckt fährt ſie zurück. Ein Mann, ein Frem-
der hat die Stelle eingenommen, welche die ſchönſte
Fernſicht geſtattet, nach welcher ſie ſich gewendet, ohne
die Augen dorthin zu richten. An einen Baum ge-
lehnt iſt er ſo ſehr verſunken in Betrachtungen, daß
er ihr Nahen nicht bemerkte. Und das Rundgemälde
rings ift wahrlich ſchön genug, um dieſe Verſunkenheit
zu rechtfertigen, Schleswig, namentlich von hier aus
geſehen, iſt eins der lieblichſten Städtebilder, die es
überhaupt gibt. Lang geſtreckt, einem Landſee glei-
chend, ſchimmert die kleine Breite, das oberſte Ende
der Schlei, nur durch die Enge bei Sterwig mit der
großen Breite zuſammenhängend. Den innerſten Theil
der von vielen kleinen Seitenbuchten beſpülten Ufer
umgeben in Norden und Süden ſanft gewundene, ziem-
lich hohe Berge mit Gehölz oder Graswuchs. An
ihrem Fuß, im Halbkreiſe die Stadt; in der Bucht ein
grünes, mit einem Kranz von Schilf eingefaßtes Ei-
land. Oeſtlich die Hauptſtadt mit dem Dom und dem
Holm, einer meiſt von Fiſchern bewohnten Landzunge.
Auf den darüber liegenden Höhen, zwiſchen der Alt-
ſtadt und dem Dorfe St. Jürgen, palaſtartige Gebäude.
Keine Koryphäe des Adels oder der Börſe erfreut ſich
in dieſen Hallen an der köſtlichen Lage. Arme, Elende,
von geiſtiger Nacht umdunkelte Haufen darin, es iſt
das ſchleswig-holſteiniſche Jrrenhaus, die großartigſte
Anſtalt dieſer Art. - An die Altſtadt ſchließt ſich weſt-
lich der Lollfuß, einſt der Fußſteig zur Kapelle des
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