Heidelberger Volksblatt — 2.1869

Page: 25
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1869/0027
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
. ,-1 ,
(2 aJ1Ei JJ 4
elelberge ltzshlatt.

r. 7.

Samſtag, den 23. Jannar 1869.

2. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Möwenpriis.

Eine ſchleswig'ſche Geſchichte von Maria v. Roskowska.
(Fortſetzung.)

Er hatte inzwiſchen eine blaue Brille aus dem Hut
genommen, dieſen und jene auſgeſetzt. Jetzt ließ ſich
noch weniger in ſeinen Zügen leſen als vorher. Hilda
ſah nur, daß ſeine Blicke aufmerkſam auf dem Kinde
ruheten.
r

Jetzt ſieh doch einmal, ob Du nicht die Mutter her-
ausfinden kannſt unter den Leuten. Du haſt ja ſo
gute Augen."
"Ach nein, es iſt zu weit, aber wenn ein Schuß
knallt, denke ich immer, Alf Thomſen hat ihn abge-
feuert." Sie wandte ihre Aufmerkſamkeit wieder dem
fernen Schauſpiel zu.
Hilda kehrte ſich zu ihrem Begleiter. Er hatte in-
zwiſchen die Erſchütterung verwunden, welche ihre letz-
ten Worte hervorgerufen. "Ein merkwürdiges Zuſan-
mentreffen übrigens, denn erſt hente erwähnte ich zu-
fällig des jungen Milberg. Jch bin ganz glücklich dar-
über!" Es freute ſie in der That ſo ſehr, daß ihre eiguen
Angelegenheiten und Sorgen weit in den Hintergrund
zurücktraten.
Säbelgeklirr ganz in der Nähe ließ ſie erſchreckt
auffahren, ihren Geſellſchafter raſch aufſehen.
Eine hellblaue Uniform mit rothen Aufſchlägen,
Tſchako, Säbei und Piſtolen - eine Ausrüſtung, deren
bloßer Anblick die meiſten Schleswiger nicht gleichgü-
tig läßt. Selten gab es ein allgemein verhaßteres Jn-
ſtitut, als das der däniſchen Gensdarmen. Der Wäch-
ter der öffentlichen Sicherheit, welcher eben vorüber
ging, war noch ganz beſonders verhaßt. Derſelbe ſchaute
ſich den Fremden genau an und mäßigte ſeinen Schritt,
als wollte er nach der Legitimation ſragen.
"Mein Schwager und Magiſter Uleſen werden ſich
recht freuen, Sie zu ſehen!" ſprach Hilda raſch und
laut. Es gereute ſie ſchon im nächſten Augenblick, daß
ſie ihren Gefährten als unverdächtig hingeſtellt hatte,
denn ſeine Augendrauen zogen ſich unmuthig zuſammen.
Der Gensdarm jedoch entfernte ſich, beruhigt über eine
Perſönlichkeit, welche mit ſolchen Namen in freund-
ſchaſtliche Beziehung geſetzt wurde.
Zu Jhrer Sicherheit!" entſchuldigte ſie ſich.
"Meine Papiere ſind vollkommen in Ordnung; ich
habe keine Beläſtigungen zu fürchten, komme direkt aus
Kopenhagen.

"Meine Schweſtertochter," ſtellte ſie vor.
Das ſtarke Schießen auf der Jnſel nahm die Auf-
merkſamkeit der Kleinen in Anſpruch. Geſpannt ſchaute
ſie hinab und wäre am liebſten auch dort geweſen.
Die beiden Andern traten etwas zurück.-
"Dieſen Augenblick würden Sie Herrn Milberg
nicht zu Hauſe treffen, er iſt hinab zum Möwenpriis.
Wollen Sie ihn vielleicht aufſuchen?"
Er machte eine abwehrende Bewegung und ließ ſich
genau das Haus bezeichnen, in welchem der Genannte
wohnte.
"Wenn Sie ihn lange nicht ſahen, werden Sie ihn
übrigens ſehr verändert finden, traurig verändert."
Bart und Brille vermochten nicht ganz das Zucken
ſeiner Lippen, den angſtvoll geſpannten Blick zu ver-
bergen. "Wie meinen Sie das? Jhr Ton iſt ſo ſon-
derbar." Seine Stimme zitterte.
Mit ſich ſelber beſchäftigt fiel ihr das nicht auf.
Uebrigens war es ganz natürlich, daß ein alter Freund
den lebhafteſten Antheil an dem Geſchick des Unglück-
lichen nahm. "Sichere Auskunft kann ich Jhnen nicht
geben; da Sie unſere Verhältniſſe kennen, wiſſen Sie
wohl, daß wir keinen Verkehr mit Milberg haben kön-
nen. Kränklich iſt er ſchon längere Zeit, weſſen Ge-
ſundheit wäre auch durch ſolche Chicanen und Be-
drückungen nicht gebrochen? Daß ſie aber noch nicht
völlig gebrochen iſt, beweiſt, daß er zum Möwenpriis
ging. Auch wird Jhr Beſuch ſeinen Zuſtand gewiß
ſehr beſſern."
"Mein Beſuch!?"
Sie neigte ſich zu ihm und flüſterte: "Leugnen
Sie, daß Sie ihm Nachrichten bringen von ſeinem
Sohn!?"
"Ach Tante, wie der Schwarm auseinanderſtäubt!
Sieh doch nur! Jch muß Dir gleich die Geſchichte
erzählen von den Möwen."
"Später, Anna, zu Hauſe oder im Thiergarten.

V
"Jch weiß ſchon, Tante, laß mich nur machen!"
hatte Anna vorhin geſagt, als Beide ſich trennten.
Während jene zur Allee hinaufging, betrat dieſe den
Garten hinter dem bezeichneten Hauſe. Jn der Nähe
eines von Grün umrankten, von alten Oſtbäumen be-
ſchatteten Gartenhäuscheus ſaß der weißköpfige Alt,
welcher im Vorübergehen das Mitleid der Kleinen ſo
lebhaft erregt hatte. Das Haupt auf die Hand ge-
loading ...