Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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nen ſelber diejenigen ihrer Landsleute, die hier Be-
antenſtellen annehmen. Alles, womit ſie mich ge-
brechlichen Alten peinigen mögen, iſt mir nichts im
Vergleich zu der Demüthigung, eine Gefälligkeit zu
heiſchen oder auch nur anzunehmen von den Mördern
meines Weibes, den Räubern meines Eigenthums, von
hnen, die mein einzigs Kind n's Exil ſchickten, mich
ſterben laſſen, ohne es noch einmal zu ſehen! Und
dennoch, ich würde eher ſterben, ohne die Hand ſegnend
auf menes Sohnes Haupt zu legen, als daß ich ſie um
die Gewogenheit erſuchte, ihn an mein Todtenbett kom-
men zu laſſen. Da habt Jhr meine Principien! Jh-
rer brutalen Uebermacht muß ich mich freilich beugen,
doch geſchieht es nur äußerlich, gleichſam körperich.
Moraliſch beuge ich mich nicht, trotze ihnen bis zum
letzten Athezuge. Und der Tag der Vergeltung wird
doch einmal kommen, eine Art Dänenpriis, unendlich
ſchöner als der Möwenpriis." Damit bückte er ſich,
um wieder im bohen Ried nach Möwen zu ſuchen.
Schweigend blickten ikm die drei Männer einige
Augenblicke nach. "Was ſchleicht denn der Kerl um
uns herum?" machte endlich Tbomſen ſeiner Erſchüt-
terung in einem Zornesausbruch Luft. "Grade wie
der Gensdarm Skilback, wenn er, in der erſten Zeit
nach dem Münzreſeript, die Bauerweiber belauſhte,
ob ſie nicht etwa ihren Markterlös in dem verpönten
Courant mittheilten. Weiß das Volk nicht, daß man
es eben ſo wenig in ſeiner Nähe dulden mag, wie
man ſich einen Jltis als Schoßhündchen hält? Pardon,
das Gleicniß ſt eben nicht äſthetiſch, dech findet mir
ein treffenderes."
Die Andern lachten
"Denkt Cuch nur," ſuhr er ihren zuwinkend ſort,
"kommt da ein Kerl, der in Kopenhagen non contem-
ndus erhielt und vorläufig irgendwo umher ſchul-
meißert, und bewirbt ſich um meine Paſtorſtelle! Habt
Jhr jewals eine ähuliche Freckheit geſehen? Natür-
lich dankte ich beſtens und würde lieber im Nothfall,
wenn man doch einmal neben den blauen Gensdarmen
auch noch einen ſchwarzen haben muß, einen Swine-
martens den Zweiten in dieſe Stelle einſetzen. als ge-
rade dieſe Perſon. - Das wirkt, der Schleicher iſt
ort!" lächelte er.
Uleſen, denn ihm galten dieſe Artigkeiten, hatte ſich
in in der That zurückaezogen, doch nicht weit. Daran,
daß kein ehrliebender und unabhängiger Bewehner der
Stadt und der Herzogthimer mit ihm oder ſeinen
Landsleuten den geringſten Verkehr haben mochte, war
er gewohnt, obgleich er ſtets mit Zähneknirſchen daran
dachte. Dem Swinemartens nachgeſetzt zu werden,
verwundete aber ſein Selbſtgefühl nech ganz beſonders.
Swinemartens, ein viel berufener Geiſtlicher, von dem
die tollſten Geſchichten in Umlauf, dankte ſeinen Bei-
nomen dem Eifer, mit welchem er fette Schweine zeg,
indem er auf Spaziergängen die Aehren von den
Aeckern ſeiner geiſtlichen Schafe ausraufte und in den
geräumigen Taſchen ſeines ſchwarzen Rockes heimtrug.
Eine Vertiefung in der Nachbarſchaft gab dem Magi-
ſter Gelegenheit, das fernere Geſpräch der Schleswiger

zu hören, ohne als Lauſcher bemerkt und angefeindet
zu werden.
"Nach Allem, was ich von dem Gemüthszuſtande
Milberg's vernommen, hatte ich ſchon gefürchtet, es
würde nöthig ſein, ihn da unterzubringen," flüſterte
einer der Gutsbeſitzer und deutete auf die palaſtarti-
gen Gebäude der Jrrenanſtalt. "Freilich würde er
nicht einmal dort von den Verhaßten befreit ſein, da
j auch dieſe ſchleswig-holſteiniſche Anſtalt daniſirt
iſt." -
"Leider! Wäre es nicht empörend, es müßte ko-
miſch erſcheinen. Jrre von Aerzten heilen oder doch
behandeln zu laſſen, die ihre Sprache nicht verſtehen.
Glücklicherweiſe haben die Leute in Betreff Milberg's
übertrieben oder zu ſchwarz geſehen. Er braucht jene
unglückſelige Unterkunft nicht."
"Siehe da, Alf!" rief Thomſen dem herbeikom-
menden Sohne zu "Jch hebe Dir etwas zu ſagen.
Seine beiden Freunde ſchlenderten weiter.
"Du ſprachſt vorhin mit Doctor Euſtädt, Alf."
"Mit ihm blos, Vater, weil es ſich nicht vermei-
den ließ. Begrüßte nur ſeine Frau."
Der Vater runzelte die Stirn. "Gleichviel, ſiehſt
Du, daß irgend ein andrer anſtändiger Menſch das
thut?"
"Aber es iſt ein ungerechtes, ein grauſames Vor-
urtheil, Vater." Das ſchöne Geſicht des Jünglings
glühte, ſeine Augen flammten auf. "Was kann He-
lene, was ihre Schweſter dafür -"
"Jhre Schweſter!" unterbrach ihn Thomſen, "Das
iſt der Caſus, den ich ganz beſonders im Auge habe,
wenn ich Dich darauf auſmerkſam mache, mit dieſen
Leuten alle Beziehung abzubrechen."
Jn ſeiner Begierde, kein Wort dieſes intereſſanten
Geſprächs zu verlieren, hatte Uleſen ſich etwas aufge-
richtet. Sein Kopf überragte das Ried am Rand der
Grube, ohne daß die Andern ihn bemerkten.
"Wir kennen Weſterſpangs von jeher. Hilda war
meine liebſte Spielgefährtin. Jſt es ihre Schuld, oder
darf man es ihr als Schuld anrechnen -"
"Keine Sentimentalitäten Junge! Würdeſt Du
eine Einadung zu General Krogh annehmen?"
"Welche Jdee, Vater!"
"Nun, Schleswig verdankt es allein ihm, däß es
nach der Jdſtädter Schlacht nicht an allen Ecken ange-
zündet oder wenigſtens geplündert ward. Der liebens-
würdige Kopenhagener Mob verlangte das, auch in
der Preſſe war man einſtimmig der Meinung, "das
Hauptneſt der "tüdske Uprörer" habe ein ſolches Schick-
ſal verdient. Zudem iſt der alte Krogh, nicht allein
ein ſehr liebenswürdiger, ſondern auch perſönlich ein
ſehr ehrenwerther Mann. Alle Welt würde es ſich zur
höchſten Ehre ſchätzen, von ihm geladen zu werden,
wenn er nicht - Däne wäre. Sv meidet man jeden
Umgang mit ihm, wie mit den anderen Offizieren,
unter denen mancher Ehrenmann ſein mag, die ſelber
mit Verachtung auf den Schund herabſehen, der hier
Beamte vorſtellt. Wir können und wollen einmal mit
Dänen keine freundſchaftliche Beziehung haben, ſo lange
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