Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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Nr. 10.

Mittwoch, den 3. Februar 1869.

2. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr 9
und bei den Trägern. Auswänts bei den Landboten und Poſtanſtalten..

Möwenriis.

Eine ſchleswig'ſche Geſchichte von Maria v. Roskowska
(Fortſetzung.)

Die Jdee, welche ſie vorhin durchblitzt, gewann immer
nehr Form und Geſtalt; ſo mußte es wirklich gehen.
Das Geſicht auf die Hand geſtützt, vergaß ſie auf
hre Umgebung zu achten. Nach wenigen Minuten
ſchon erhob ſie entſchloſſen den Kopf. Jhre Wangen
glühten, die Augen leuchteten. Die Anwandlung von
Schwäche war vorüber. Jm Begriff, den Heimweg
nzutreten, ſah ſie ſich neben einem Mann vor dem
berühmten Altarſchrein. Die Küſterfrau hatte ſich für
den Augenblck entfernt, er betrachtete unverwandt
dieſes Meiſterwerk der Holzſchneiderei.
Die junge Frau fühlte ſich wie gebannt. Einſt, vor
vielen Jahren und auch gerade nach dem Möwenprits
ſtand ſie auf derſelben Stelle, von Neuem hingeriſſen
von dem genialen Geiſte, der dieſes Gebilde ſchuf und
entzückt von der Feinheit der Ausführung bis in die
kleinſten Details. Auf zweiundzwanzig Feldern, mit
faſt vierhundert Hauptfiguren, iſt das Leiden und der
Tod Chriſti dargeſtellt. Die Felder in der ſinngſten
genial und jede einzelne eſtat vouendet. Als Rah-
men des eigentlichen Bildes Niſchen und Spitzbogen
mit ſymboliſchen Geſtalten und reichen Arabeskenſchmuck.
Wie jetzt ſtand damals ein Mann neben ihr und
ie erzählte ihm, ſtolz auf den alten Schatz ihrer Va-
erſtadt, daß Goethe lebhaft bedauert, dieſen Triumph
er Holzſchneidekunſt nicht geſehen zu haben. Da
bandte ſich ihr Begleiter und der Blick, welchen ſie
nit einander tauſchten, dünkte ſie ein magiſches Band,
as ihr beiderſeitiges Leben fortan für immer einen
iüſſe. Aber träumt ſie oder iſt ſie ihres Verſtandes
eraubt? Auch jetzt wendet ſich der Mann an ihrer
Heite und ſchaut ſie einen Augenblick an.
"Helene!" enteingt es ſich leiſe, wie unbewußt,
einen Lippen.
"Henning!" - Wohl hat er ſich auffallend verän-
ert, mehr als die Zeit es mit ſich bringen konnte.
aar und Bart ſchon ergrauend! Dazu trug er da-
ais keinen Vollbart und jetzt eine Brille, die ihn in
ren Augen ſehr entſtellte. Trotz alledem würde ſie
n augenblicklich wiedererkannt haben, auch ohne den
lang der Stimme, die ſie in ihren Träumen ſo oft
ernommen.
Wieder ſtehen ſie ſich gegenüber wie damals. Und
ennoch nicht wie damals, oder doch nur während eines
domentes in jener Selbſtvergeſſenheit, der Einſt und
etzt ein und daſſelbe iſt, die keinen Maßſtab hat für
eit und Ort, weil es für ſie weder Zeit noch Ort

Sie hatte nicht beachtet, daß ſich ſein Blick ver-
finſterte, daß er im Begriff ſchien, heftig aufzufahren.
Er faßte ſich indeſſen. "Das verſtehſt Du nicht. Werde
irgend Jemand engagiren, Dich heimzubegleiten oder
einen Wagen zu beſtellen, wenn Du nicht gehen kannſt."
Haſtig richtete ſie ſich auf. "Nein, laß nur, ich werde
ſchon heimkommen, ohne Geleit. "Adieu." Sie wandte
ſich mit bitterm, verächtlichem Lächeln ab, kehrte ſich
aber wieder um. "Sprich davon nicht mit ihm," Harold,
ſagte ſie faſt bittend.
Ein Zug von Hohucrvung handelſt, doch zn
ed, icht mit ſo jeſuitiſchem Vorbehall
-
Der Fiſcher ſtieß ab. Gleichzeitig drehte ſie ihm
den Rücken. Es war ja Alles vergebens, wozu ſich
demüthigen und obenein die Aufmerkſamkeit der Leute
erregen. Mochte denn geſchehen, was da wollte. Jn
der verzweiflungsvollen Stimmung, welche ſie erſüllte,
erſchien ihr Alles gleichgültig. Sie glaubte den Boden
unter ihren Füßen ſchwanken zu fühlen, die Umgebung
ſich im Kreiſe bewegen zu ſehen.
Starr blickte er ihr nach, bis ſie ſeinen Augen
entſchwunden war. Dann ballte er die Hand, als hielte
er darin noch das Blatt, an deſſen Wiederlangung ihr,
und mit Recht, ſoviel gelegen geweſen. "O hätte ich
ihn - ihn ſelber knirſchte er in ſich hinein.
Zu Vieles hatte ſie heute erregt. Zu ihrer körper-
lichen Erholung, wie zur geiſtigen Sammlung trat He-
lene in den offenſtehenden Dom und ſetzte ſich in eins
der Geſtühle. Jm Gotteshauſe ſchweigen irdiſche Re-
gungen, richtet die Seele ſich himmelwärts. Wenig-
ſtens ſollte das ſo ſein, zumal in einem ſo hehren und
ehrwürdigen Bau! Dennoch ſtillten die Wogen ihres
Jnnern ſich nicht, ſchienen im Gegentheil noch höher
aufzuwallen. Welche Erinnerungen knüpften ſich an
dieſe Stätte! Und nicht allein die Vergangenheit
machte ihr Recht geltend, auch die Gegenwart. Sie
durfte nicht dulden, daß aus ihrem Mangel an Vor-
ſicht jenem Mann, der ohnehin genug gelitten hatte,
neues Leid erwuchs und eben ſo wenig, daß Hilda die
Gattin eines Menſchen wurde, den ſie verabſcheute.
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