Heidelberger Volksblatt — 2.1869

Seite: 43
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Dr Schtichlmaier.

Schwager zu Hauſe?" - Sie ſchüttelte den Kopf.
"Aber er muß jeden Augenblick kommen und -" un-
fähig weiter zu reden blickte ſie ihn angſtvoll und fle-
hend an.
"Nur ein Wort mit Jhrer Schweſter!"
Bei ſeinem entſchiedenen Ton wagte ſie keinen
Einſpruch. Sie öffnete ihm die Thür und trat ſelber
zurück, um nach Ellſtädt auszuſehen und jede Störung
abzuwenden. Raſch war er eingetreten. Unvermögend,
ſich aufrecht zu erhalten, ſank Helene auf einen Stuhl
und deutete auf einen zweiten.
Eine Handbewegung lehnte den Sitz ab. "Als ich
vergebens auf meinen Vater in ſeiner Wohnung war-
tete, fand ich etwas, das Sie ihm eben hatten zugehen
laſſen, deſſen er nicht mehr bedarf. Sie begreifen,
daß ich keinen Augenblick mit der Zurückgabe ſäume
und -"
"Vollkommen!" ſagte ſie mit Kälte, die jedoch durch
den flammenden Blick Lügen geſtraft ward. "Hätte
ich eine Ahnung von Jhrer Nähe gehabt, ſo würde
ich die Sendung ſelbſtverſtändlich unterlaſſen -" Sie
konnte nicht weiter reden, wenigſtens nicht in dieſem
Ton. Mechaniſch nahm ſie aus ſeiner Hand das Geld
und den Briefbogen und ſchob beides ohne aufzuſehen
und zu wiſſen, was ſie that, unter ihr Wirthſchafts-
buch auf dem Schreibtiſch. Als ſie vorhin nach dem
Schreiben ſuchte, hatte ſie das Heft liegen laſſen.
"Haben Sie Dank für Jhre hilfreiche Theilnahme
an meinem armen Vater!" Erfolglos bemühte er ſich,
in ſeinen Ton Herzlichkeit und Wärme zu legen. Wi-
der ſeinen Willen blieb die Bitterkeit vorherrſchend.
Als Erwiederuug auf die kühlen Dankesworte hatte
ſie nur ein flüchtiges Achſelzucken. Sein Benehmen im
Dom ſtand vor ihrem innern Auge, feſſelte jedes Wort,
namentlich jedes freundſchaftliche Wort auf ihrer Zunge.
Und doch war er nicht hierher gekommen, um fo
von ihr zu ſcheiden. "Niemand wußte oder ahnte meine
Ankunft," lenkte er ab, den Uebergang zu einem Aus-
druck ſuchend, welcher den allzu herben im Dom mil-
dere, aus ihrem Gedächtniß verwiſche. Ein offnes,
vertrauliches Ausſprechen mußte freilich denſelben Dienſt
leiſten, da er ſich zu einer förmlichen Abbitte nicht
entſchließen konnte. "Jch ſtehe überhaupt mit Nie-
mand hier in direkter Verbindung," ſprach er raſch
weiter. "Das Wenige, was ich aus der Heimath ver-
nahm, erfuhr ich zufällig oder durch die zweite, dritte
Hand. Es war, als hätten mich alle meine Freunde
vergeſſen!"
"Kein Wunder, wenn Sie immer ein ſo läſſiger
Correſpondent waren!" entſchlüpſte es ihr in aufwal-
lender Bitterkeit.
Er blickte ſie groß an.
(Fortſetzung folgt.)

So war's An-
no 1848! Alle
Dag e anneri
Verſammlung!
Ball die Schnei-
der, ball die
Schuhmacher,
ball die Metall-,
ball die Holzar-
weiter. Merk-
werdigi Ver-
ſammlungswuth
Jch bin begie-
rig, ob unſer
deitſcher Nacht-
wächterverein
nit aach ball ſein
Verſammlung
ausſchreibt!
Unſer Nacht-
wächter miſſe
aah was for's
deitſche Vatter-
land dhun. Uff
de deitſcheNazio-
nalverein kenne
mer uns jo doch
nit mehr ver-
loſſe. Er is
ſanftentſchlaafe,
wie ſo viel an-
nere deitſche
Vereine. Aach
er hott Deitſch-
land nit eenig gemacht. Unſer leſchti Hoffnung wäre
alſo die deitſche Nachtwächter! Alſo heert ihr Nacht-
wächter und laßt eich fragen: Wollt'r nit aach emool
e bisl im "Faule Pelz" tage? So e bisl Volksver-
ſammlung macht ſich gar ſo ſcheen. Deß hawe mer
jo erſcht widder am Mittwoch g'ſehe. Jch hab mich
recht gaudirt! "Viel Lärm um Nichts", Luſchtſchbiel
von Schekspier, hawe die Herrn uffa'fiehrt. Jch hab
alle Aageblick gemeent: d'r g'ſchbrengte Schloßdhorn
dhät widder anfange zu brenne. D'r Herr Bräſident
hoti wenigſchtens ſein Schtormglock gar nit mehr aus
d'r Hand gebrocht, un hott ſich im heilige Ermah-
nungseifer um Ruh ſo merkwerdig koomiſch iwerſchterzt,
daß er die verehrt Berſammlung "um allgemeini Un-
nerbrechung" gebitt hott! No, un an der hott's ge-
wiß nit g'fehlt! Die Verſammlung war in der Art
ihrm Bräſident gewiß ſehr folgſam. Recht ſchad war's,
Männer, daß es nit zur Abſchtimmung kumme is, ob
en gewiſſer Herr Reedner g'hatt odder nit g'hatt
hott - wie behaupt worre is. Ma hätt abſchtimme
ſolle, ob'r en Zopp g'hatt, odder blos angeheitert
war! So was wär nei, un inn'ere Volksverſamm-
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