Hölscher, Uvo
Das Grabdenkmal des Königs Chephren — Leipzig, 1912

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II.

Allgemeine Anlage des Baues.

Vorbemerkung. Dieser Teil soll in das Verständnis der Gesamtanlage des Grabdenkmals
einführen, wie es vor der Zerstörung ausgesehen haben dürfte. Wir lassen also den heutigen ruinen-
haften Zustand mit all seinen Zufälligkeiten ganz außer acht, aber auch alle Einzelheiten, die uns das
Material zur Rekonstruktion boten. Diese findet der kritische Leser im III. Abschnitt so vollständig
als möglich zusammengestellt.

Im allgemeinen wird es für das Verständnis dieses Abschnittes genügen, den Lageplan (Blatt II)
und den Übersichtsplan (Blatt III) heranzuziehen und das Schaubild (Blatt I) zu vergleichen.

Zur Zeit des alten Reiches, d. h. etwa in der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends
v. Chr. mag das Pyramidenfeld von Gise so ausgesehen haben, wie unser Schaubild (Blatt I)
es zeigt. Wie Zwillinge aus Riesengeschlecht erheben sich die Pyramiden des Cheops

und Chephren inmitten der Gräber ihres Hofstaates, überragen sie, wie der unumschränkte
Herrscher bei Lebzeiten seine Untertanen überragte.

Schon von weitem läßt sich die Gesamtanlage überschauen: Oben auf der Höhe
steht der alles beherrschende Grabbau, die Pyramide, rings von Mauern umgeben. Im
Osten davor liegt der Tempel, von dem aus ein langer gedeckter Aufgang sich ins Tal
hinabzieht, wo er in dem sogenannten Torbau endigt, — eine Anlage, die bereits von den
Grabdenkmälern der Könige der V. Dynastie bei Abusir bekannt ist.

Es mag vorausgeschickt werden, daß das Bauwerk, welches hier, ebenso wie bei den
Abusiranlagen, als Torbau bezeichnet ist, mehr ist als bloß ein Portal. Es ist ein be-
deutendes Gebäude, mit ausgedehnten Innenräumen, die dem Kult gewidmet waren. Es ist
in seinen Einzelformen sogar größer als der eigentliche Totentempel vor der Pyramide. Der
Torbau ist der vordere Teil der Tempelanlage. Man kann wohl sagen: der Tempel zieht
sich von der Höhe vor der Pyramide bis ins Tal hinunter, im Prinzip als ein einheitliches
Bauwerk; durch örtliche Verhältnisse zwar zerrissen in zwei Teile, die aber so eng als
möglich durch einen festen gedeckten Gang verbunden sind.

Man wird sich kaum verhehlen, daß es ein seltsamer und ästhetisch nicht gerade
sehr glücklicher Architekturgedanke ist, eine Anlage in dieser Weise zu zerreißen und nach-
her wieder zusammenzufassen. Man möchte fragen: Würden die Griechen und Römer
auch den Zugang zu dem Totentempel durch einen langen dunkeln Gang geführt haben?
Würden sie nicht vielmehr, ebenso wie wir, eine prunkvolle via sacra, eine offene, den Aus-
blick überallhin freilassende Straße angelegt haben, die oben vor einem monumentalen
Tempeltor endigte?
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