Hölscher, Uvo
Das Grabdenkmal des Königs Chephren — Leipzig, 1912

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V.

Die Geschichte des Baues.

a) Vor der Zerstörung. Die Geschichte unseres Grabdenkmals läßt sich z. T. aus
vielen kleinen Beobachtungen wieder aufbauen.

Spuren älterer Bauten wurden auf unserem Grabungsgebiet nicht gefunden. Nur auf
eine Scherbe von einer dünnwandigen Dioritschale mit dem Namen des Send (III. Dynastie)
stießen wir. Sie mag wohl von einem Grabmal aus der Nähe1 stammen und von der Priester-
schaft des Chephren annektiert worden sein1 2.

Die ganze Grabdenkmalsanlage des Chephren scheint nach einem einheitlichen Plane
ausgeführt zu sein. Nur bei der Terrasse vor dem Torbau und bei der Pyramide selber
fanden sich Anzeichen einer Änderung im Bauprojekt (S. 31 und 37).

Mehrere Jahrtausende hindurch mag wohl unser Tempel unversehrt gestanden haben.
Der Totenkult scheint während des ganzen alten Reichs noch regelmäßig, wenn auch mit
immer geringer werdendem Glanze, gepflegt worden zu sein. Dafür fanden sich mehrere
Anzeichen:

Die halbrunden Abdecksteine des Tempels (Abb. 40) sind auf ihren Außenseiten
ziemlich stark verwittert, auf den Stoß- und Lagerfugen dagegen unverwittert. Sie müssen
also Jahrhunderte lang in situ gelegen haben und den Einflüssen von Wind und Wetter aus-
gesetzt gewesen sein, ehe sie herabgestürzt wurden. Da nun diese Abdecksteine am meisten
den Angriffen der Zerstörer ausgesetzt waren, so ist anzunehmen, daß auch nicht andere
Teile des Tempels früher zerstört wurden.

Südlich vom Tempel, dicht bei der Ziegelrampe, fand sich ein Denkstein aus der
VI. Dynastie, worin der Vorsteher der Stadt bei der Pyramide des Chephren erwähnt wird3.
Im Tempelhof liegt ein Kalksteinpfosten, der offenbar nicht zum ursprünglichen Tempel gehörte,
sondern in die Zeit der VI. Dynastie zu setzen ist. Auf ihm steht eine senkrecht geschriebene
Königstitulatur: in dieser Zeit muß also wohl die Priesterschaft noch Mittel für solche, wenn
auch bescheidene, Bautätigkeit gehabt haben. Der Stein dürfte wohl ein Türpfosten eines

1) Es könnte vielleicht die von Covington bei Gise entdeckte Ziegelmastaba sein, die ihrem Stil nach aus der
III. Dynastie stammt; vgl. Annales du Service VI S. 193 ff.

2) Mehrere Steingefäße mit dem Namen des Chephren, die also offenbar aus unserem Tempel stammen, wurden

von Reisner im Mykerinos-Tempel gefunden (s. Abschn. VI). 3) s. Abschn. VI.
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