Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 3.1885

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K. u. k. Haus-, Hof- und Staats-Archiv.

ginnt, wenn auch schon vorher jüngere Wappen auf
f. 204 und f. 248' eingezeichnet worden sind und das jetzige
Blatt 25o ursprünglich gewiss dem jetzigen Blatte 24g
vorausging, daher es auch noch ein altes Wappen aus
dem Jahre 1401 und die alte Foliennummer CCXLVIII

Die von Pettenegg erwähnten Ablassbriefe einzelner
Kirchenfürsten finden sich auf f. nj, uj und i2j. Der
Name des Ausstellers auf f. ny ist nicht Qualbert, son-
dern Vitalis zu lesen, den Namen des Bisthums, Mittnß
geschrieben, wage auch ich nicht mit Bestimmtheit zu
deuten; die Datirung lautet: Datum Rynekh in loco ubi
[. . .] residemus, anno domini millesimo trecentesimo
nonagesimo [quinto], indictione III, die Xa mensis apri-
lis. Das Datum der Urkunde des Bischofs Berchtold
von Freising auf f. 117' lautet: Datum Wienne die vi-
cesima quinta mensis aprilis anno domini millesimo
trecentesimo nonagesimo quinto, das der Urkunde
des Bischofs Johann von Gurk auf f. i2ß: Datum in Ca-
stro nostro Strassburg die septima mensis maii anno
domini millesimo trecentesimo nonagesimo quinto, in-
dictione tertia, endlich das Datum der Urkunde des Vice-
decans und Capitels der Marienkirche %u Aachen auf
f. 123: Datum anno domini millesimo trecentesimo no-
nagesimo quinto, mensis aprilis penultimo (?). Sämmt-
liche Urkunden gehören also dem Jahre i$g5 an.

Die Annahme Petteneggs, dass die Bruderschaft und
der uns vorliegende Codex schon vor dem Jahre iy;5
bestanden haben müssten, weil der auf f. 10g' genannte
deutsche Ritter, Wolf v. Zillenhart, von ißj5 bis 1380
Landcomthur der Bailei an der Etsch und im Gebirge,
bereits 1380 gestorben sei und nur als einfacher deutscher
Ritter bezeichnet werde, steht in directem Widerspruch
mit dem letzten Satze der auf f. 123—124 stehenden,
gewiss gleichzeitig geschriebenen und wohl unter dem
directen Einflüsse des Gründers Heinrich v. Kempten ab-
gefassten Gründungsgeschichte, die ich hier folgen lasse:

Ich Hainreich Fundlkind. Wan mein vater, der
mich da fant, hiez der Mayr von Kempten. Der ver-
dorb von purgschaft wegen. Der het newn kind, da
vvaz ich Hainrich Fundlkind daz zehent. Do slug er
uns halbe auz, das wir giengen und dienen solten. Da
chom ich Hainreich Fundlkind zu zwain briestern, die
wolten gen Rom gen. Mit den ging ich über den Arl-
perg und chomen zu Jaeklein über Rein. Da sprach
Jaekl: wo wolt ir mit dem knaben hin? Da sprachen
die herrn: er ist zu uns chomen auf dem feld. Da
sprach Jaekl: wolt ir in hie lazzen, das er uns der swein
huet? Da sprachen si: waz ir tut, daz ist uns lieb. Da
dingten si mich und gaben mir daz erst jar zwen gui-
dein. Da waz ich bei dem egenanten Jaeklein zehen
jar. Da ging ich mit im ze chirichen in dem winder
und trug im daz swert nach. Da bracht man vil lawt,
die da waren auf dem Arlperg in dem sne verdorben;
den heten die vogl die äugen auzgeeszen und die cheln
ab. Das erbormet mich Hainrich Fundlkind so ubel.
Da het ich 1 5 guidein verdient mit dem hirtstab. Da
rueft ich und sprach, ob jemant wolt nemen die 1 5 gui-
dein und einen anfankh wolt anheben auf dem Arlberg,
das die lewt also nicht verdürben. Das weit niemant
tun. Da nam ich den almechtigen got ze hilf und den
lieben herrn, der ein groser nothelfer ist, sand Chri-
stofen und ving an mit den 15 guidein, die ich mit
dem hirtstab het verdient umb Jaeklein über Rein. Und

den ersten winder do half ich siben menschen des lebens
mit dem heiligen almusen. Seit desselben males hat mir
got und erbern läwt geholfen in den siben jaren, das
ich und mein helfer haben geholfen funfzik menschen
des lebens, und den anfankh hueb ich an anno domini
1386 in die Johannis Baptiste.

Die letzten Worte können wohl unmöglich anders
gedeutet werden, als dass Heinrich Findelkind selbst
sein wohlthätiges Wirken erst 1386 begann, vorher also
von einer Bruderschaft gewiss nicht die Rede sein kann.
Der auf f. 10g' genannte Wolf v. Zillenhart muss also
mit dem von Pettenegg angezogenen Landcomthur nicht
identisch, oder aber der Letztere erst nach 1^86 gestorben
sein; denn dass er nicht mit seinem vollen Titel, sondern
nur einfach als deutscher Ritter angeführt wird, kann
ebensowenig beweisen als der letzte von Pettenegg an-
geführte Grund, es sei |w jener Zeit Sitte gewesen, eine
Bestätigung erst dann von dem Landesherrn |w erbitten,
bis sich ein neu gegründetes Institut durch zahlreichen
Beitritt und dergleichen bewährt hatte. Aus dem Wort-
laute der Urkunde Herzogs Leopold III. auf f. 12 ergibt
sich nämlich, dass wir es mit gar keiner Bestätigung zu
thun haben, sondern vielmehr mit der Erlaubniss, auf
dem Arlberg ein Schutzhaus zu bauen, welche dem Be-
ginne dieses Baues ohne Zweifel vorausgehen musste. Die
Urkunde lautet nämlich wie folgt:

Wir Lewpolt von gots gnaden herzog zu Oster-
reich, zu Steyr, zu Kernden, ze Krain, graff ze Tyrol
veriehen offenleich mit dem brief für uns und für unser
erben und tun kunt allermenikleich kegenburtigen und
künftigen, wie der arm knecht Hainreich von Kempten,
der in seiner chindhait ain funden kind waz und un-
serm getrewn Jaeklein über Rein lang gedient hat, [in
demutic]leicher andacht und begirfuruns chom, das er
wolt gern ain haws pawen auf den Arlperg und wonen
und siezen allermaist durich der eilenden und armen
läwt willen, daz die herberg da hieten, wenn si von un-
gewiter oder von chrankheit nicht verrer chomen moch-
ten, das die da nicht verdürben, alz vor ist beschehen
dikch und oft. Haben wir angesehen seinen guten
fursaez und pedracht, [das vil] guter ding angevangen
worden ist von ainfaltigen lewten, und haben im durich
got und seiner fleissiger pett willen erlaubt und gegu-
nen, ain haws ze machen auf dem egenanten Arlperg,
an welher stat pei dem chräwz allerpest sten mag. Dar-
umb pitten wir alle, die enhalben oder dishalben da umb
gesezzen sind oder die über denselben perkh reiten oder
gen, das si im darzu fuderleich und geholfen seien, das er
diearbaitunddaswerkhvolpringen [mug]. Undenphilch
auch ernstleich allen unsern [haw]btlawten und ambt-
lawten, das si in dabei [schüczen] und schirmen von
unsern wegen, das in [niemant] an der egenanten ar-
bait chain laid noch [irrung] tue in keinem weg, wann
daz genzleich unser [meinung] ist. Mit urkund diez
briefs geben ze Grecz an sand Johann[is] tag ze wei-
nachten anno domini 1386.

Doch wohl nur gestützt auf diese Erlaubniss konnte
Heinrich Findelkind dann auch den Aufruf erlassen, der
sich im Codex unmittelbar an die Urkunde des Herzogs
auf f. iß anschliesst, unzweifelhaft mit dieser gleichzeitig
von derselben Hand eingetragen wurde und folgenden
Wortlaut hat:

Lieben kind. Ir sult wissen, das ir ewr almusen
sult geben auf den Arlperg zu weg und fteg und zu
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