Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 3.1885

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ÜBER ZWEI UNEDIRTE GRIECHISCHE

Von

Dr. Robert Schneider.

BRONZEN.

Archaische Statuette des Apollon.

as mannigfaltige Wesen des Apollon wurde von der hellenischen Kunst in jugendlicher
Gestalt verkörpert. Wenn sie auch in ihren Anfängen mit geringen und dürftigen
Mitteln den dichterischen Vorstellungen von dem Schönsten der Unsterblichen noch
nicht gleichen Schritt zu halten vermochte, so bildete sie doch den Gott in frischer
Jugendkraft, heitern Antlitzes, mit herabwallendem Haar, gerade und schlank auf-
geschossenen Gliedern. Ihr ist Apollon der Jüngling schlechtweg, wie Zeus der Mann,
und gälte es, die griechischen Göttergestalten auf ihre einfachsten Begriffe zurückzu-
führen, so stellten sich Zeus und Apollon als deren Grundtypen dar, zu welchen sich die übrigen wie
abgeleitete, differenzirte Formen verhalten. Haben die früheren Zeiten die Götter durchaus nach dem
Ebenbilde des Zeus geschaffen, so erweitert sich in den späteren allmählich der Bereich des Apollon, und
seinem Einflüsse entgeht selbst nicht der älteste der Zeussöhne, Hephaestos. Zeus und Apollon sind die
alleinigen unter allen Göttern, deren Ideal sich von einander unabhängig gebildet und nach eigenen inneren
Gesetzen in gleicher Bahn fortentwickelt hat.

Ein lehrreiches Beispiel der älteren Bildung des Apollon ist die auf der Tafel I abgebildete Bronze-
statuette.1 In Athen gefunden und nicht sehr viel später im Jahre 1878 angekauft, ist sie eine um so
glücklichere Erwerbung der kaiserlichen Sammlung zu nennen, als letztere vordem in ihrem sonst reichen
Vorrathe antiker Göttertypen einer bezeichnenden Probe der alterthümlichen Darstellungsform dieses Gottes
entbehrte. Trotz der hier und dort fühlbaren stark schematischen Ausdrucksweise trägt die nur i2-5 Cm.
hohe Figur doch das unverfälschte Gepräge echt archaischen Stils. Völlig nackt, aufrecht in strammer
Haltung, mit beiden vollen Sohlen auftretend, schreitet sie in der gewohnten Weise mit dem linken Beine
vor. Ihre Oberarme sind gesenkt, der linke Vorderarm ist nur wenig, der rechte aber im rechten Winkel
erhoben. An absoluter Länge übertrifft um beträchtliches der letztere den ersteren. Während die offene,
mit der Fläche nach innen gestellte rechte Hand sichtlich kein Attribut gehalten hat, fasste die zur Faust
geschlossene, durchbohrte Linke wahrscheinlich den Bogen. Der Kopf zeigt die auch an anderen archaischen
Gebilden beobachteten Eigenschaften: das kleine Hinterhaupt, die niedrige Stirne, das spitze Kinn, die vor-
tretende Nase. Die schmalen Lippen und die hinaufgezogenen Mundwinkel bedingen das typische Lächeln

1 Kurz beschrieben von Freiherrn v. Sacken in den «Archäologisch-epigraphischen Mittheilungen aus Oesterreich»,
Jahrgang III, S. 127 f.
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