Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 22.1901

Page: 170
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1901/0176
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Franz Wickhoff.

Jugend, Studien.

Hermann Dollmayr wurde am 3i. März 1865 zu Ober-Döbling bei Wien geboren. Sein
Vater, dort als praktischer Arzt ansässig, war ein Mann von vielseitiger Bildung aber von absonder-
lichem Wesen. Ueber seine geschickten Curen, seine barsche Art, seine drastischen Aussprüche hat
sich schon eine ganze Legende gebildet. Eine besondere Neigung zog ihn zu den bildenden Künsten.
Auch der lebhafte Knabe, der seine Mutter frühzeitig verloren hatte, nahm bald an den Liebhabereien
des Vaters theil. Er sah die Bildung einer kleinen Galerie, in der alter und neuer Malerei gleiche
Liebe zu Theil wurde. So gewann er frühzeitig Interesse an mannigfachen Perioden der Geschichte der
Malerei. Eine solche praktische Unterweisung in der Kennerschaft wurde durch sorgfältigen Unter-
richt in der Zeichenkunst und Malerei erweitert und vervollständigt. Sich in der Aquarellmalerei zu
üben, hat er niemals ganz aufgegeben. Es war das eine Freude, die ihn durch sein ganzes Leben
begleitete. Er war von dem Vater für die juristische Laufbahn bestimmt gewesen und, nachdem er
im Herbst 1884 sein Freiwilligenjahr beendet hatte und zum Lieutenant in der Reserve ernannt worden
war, begann er an der Universität Wien seine juristischen Studien. Schon am Gymnasium hatte er
durch die häusliche Unterweisung, durch eifrigen Besuch von Museen und Kunstausstellungen eine
Vorliebe für das Studium der Kunstgeschichte gefasst und im Herbste 1885 vertauschte er mit dem
endgiltigen Entschlüsse, sich der Kunstgeschichte zu widmen, die juristische mit der philosophischen
Facultät.

Er fiel mir gleich auf, als er zu meinen Uebungen kam, durch die Klarheit, ja ich möchte sagen,
durch die Reinlichkeit seines Denkens. Die haltlose Ueberschwenglichkeit, die die deutsche Kunst-
schriftstellerei überschwemmt, die »Prosa, beduftet mit Salben«, die nicht nur den Stil sondern auch
den Gedankenaufbau übelriechend macht, war keine Gefahr für ihn. Enthusiasmirt für Poesie und
Kunst, übersah er nicht einen Augenblick die Grenzen zwischen schweifender Phantasie und wissen-
schaftlicher Forschung.

Ich beginne den Unterricht mit Anfängern regelmässig damit, dass ich sie Stücke aus mittel-
alterlichen Schriftstellern lesen lasse, in denen Kunstwerke geschildert oder auch nur erwähnt werden,
und achte strenge darauf, dass bei dem Erklären des Wortlautes und dem Aufsuchen von Analogien im
erhaltenen Kunstbesitz nur das, was wirklich in den Texten steht, herausgelesen werde, um so bei
einfachsten Aufgaben des Vergleichens der schriftlichen Ueberlieferung und der Kunstwerke die Schüler
an Selbstzucht im wissenschaftlichen Denken zu gewöhnen. Hier erinnere ich mich noch mit Freude,
wie Dollmayr sogleich begriff, dass die Kunstgeschichte nicht anders betrieben werden könne als alle
andere Geschichte und dass, wer die jahrhundertalten Errungenschaften der geschichtlichen Forschung
beiseite lässt, an den Rand des Dilettantismus geräth und meist darüber hinunterstürzt.

Da ich meine Uebungen an dem Institute für österreichische Geschichtsforschung halte, das sich
allmälig zu einer höheren Schule für das Quellenstudium der Geschichte ausgebildet hat, so wird durch
die Theilnahme der jungen Geschichtsforscher an diesen Uebungen jeder meiner Schüler, der sich der
Kunstgeschichte allein widmen will, wenn er nur nicht thöricht oder verstockt ist, auf die Geschichts-
forschung als Grundlage für weitere Arbeit hingewiesen. Dollmayr hörte an diesem Institute alle
paläographischen, chronologischen und diplomatischen Vorlesungen, nahm an allen Uebungen in
diesen Fächern theil und war in der Periode vom October 1887 bis Juli 1889 dort als ausserordent-
liches Mitglied aufgenommen. Er hatte noch das Glück, Theodor von Sickel in den historischen
Hilfswissenschaften als Lehrer zu haben, einen begnadeten Lehrer, wie es wenige gab, in Durch-
sichtigkeit der Darstellung, in dem Drange nach Wahrhaftigkeit und in vorbildlichem Wirken.

Die beiden Jahre im Institute für österreichische Geschichtsforschung legten die Grundlage für
die strenge Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit. Das Studium der historischen Hilfswissenschaften
machte es ihm leicht, sich die wichtigste Neuerung in der kunsthistorischen Forschung anzueignen,
nämlich die Morelli'sche Methode. Sie besteht ja in ihrem Wesen in nichts Anderem als in der
loading ...