Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 24.1903

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Fig. i. Relief im Louvre.

ÜBER EINIGE ANTIKEN GHIBERTIS.

Von

Julius von Schlosser.
L Das Bett des Polyklet.

er Titel dieses Aufsatzes dürfte einiges Befremden wecken. «Das Bett des Poly-
klet»! — in der Tat, ein seltsames Geräte, seltsamerweise mit einem der be-
rühmtesten Künstlernamen des Altertums verknüpft. Wirklich handelt es sich
dabei um einen merkwürdigen Spuk in der Geschichte der Renaissance, der, hier
und dort auftauchend und wieder verschwindend, als schadenfroher Kobold sein
Spiel treibt, anscheinend eigens dazu erzeugt, um die Neugierde von Archäologen
und Kunsthistorikern zu stacheln und — unbefriedigt zu lassen. Wenn nun im
folgenden die Resultate von Nachforschungen in dieser Sache vorgelegt werden sollen, so möge ein
solches Unternehmen nicht lediglich als antiquarischer Müßiggang und gelehrte Mückenjagd betrachtet
werden. Denn wenn sich auch der berühmte Name, der der Sache anhängt, als ein Schemen heraus-
stellen sollte, so ist es doch für eine weitere Einsicht in die Bestrebungen der Renaissance keine ganz
gleichgültige Sache, einem wirklichen oder vermeinten Erbstücke des Altertums nachzugehen, das lange
Zeit, mehr als zwei Jahrhunderte hindurch, die Geister beschäftigt hat, das mit einem der ältesten Künst-
ler im Florenz der Renaissance, Lorenzo Ghiberti, zuerst den Schauplatz betritt, einem Raffael nicht
fremd geblieben und von den bedeutendsten Sammlern der Renaissance gekannt und begehrt wor-
den ist: einem Gaddi und Bembo, einem Carpi und Granvella, den Este in Ferrara, zuletzt einem
Rudolf dem Zweiten, der, wie in so manchen anderen Dingen, auch hier das Fazit ziehen konnte und
mit dessen Sammlungen es sich, mysteriös wie es gekommen, wieder verliert. Wenn die nachfolgenden
Ausführungen nun auch das kleine Verdienst für sich in Anspruch nehmen dürfen, die zahlreichen
zerstreuten und vereinzelten Notizen, die man, soviel ich weiß, niemals ernstlich in Zusammenhang
gebracht hat, gesichtet und geordnet, auch mit einigem Neuen vermehrt, dem Leser vorzustellen, so
kann doch nicht verborgen bleiben, daß die Sache damit keineswegs völlig aufgeklärt ist. Denn, möchte
gleich die vorgebrachte Deutung ziemlich plausibel scheinen, so verbirgt sich doch das Original selbst
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