Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 31.1913-1914

Seite: 137
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ANDREA MELDOLLA, GENANNT SCHIAVONE.

Von

Lili Fröhlich-Bum.

ndrea Schiavone wurde zu allen Zeiten zu den großen Künstlern des veneziani-
schen Cinquecento gerechnet. Die ältere italienische Kunstliteratur schätzte ihn
sehr. Aber die Berühmtheit seines Namens ist das einzig Positive, das Schiavone
der Literatur zu danken hat; daß auch die Irrtümer über seine künstlerische
Persönlichkeit aus ihr hervorgegangen sind, wird die folgende Analyse der
Literaturquellen erweisen.

Die Ausbeute an Archivalien ist äußerst dürftig.
Signierte Gemälde sind nicht vorhanden und die wenigen gesicherten Gemälde sind heute zur Ab-
leitung des künstlerischen Stiles die ungeeignetsten.

Das, was uns Aufschluß über den Künstler gibt, ist sein graphisches Werk. Dieses schafft uns mit
einer großen Zahl zum Teil signierter Blätter eine exakte Vorstellung seiner künstlerischen Handschrift
und mit Hilfe des graphischen Oeuvres läßt sich dann auch das gemalte Werk und SchiavonesStil — die
Rezeption der stärkeren künstlerischen Individualitäten, unter deren Einfluß er stand, und das Eigene,
•das er hinzufügte, — feststellen.

Vorliegende Studien sind weder bestimmt, Schiavone zu «retten», noch jede ihm zugeschriebene
Malerei auf ihre Echtheit zu prüfen. Sie sind ein Versuch, durch Zusammenstellung seines Oeuvres von
Radierungen, Zeichnungen und Tafelbildern die künstlerische Persönlichkeit Schiavones klarzulegen.

Nachrichten über den Künstler.

Die literarischen Quellen des XVI. Jahrhunderts berichten uns nur wenig über Andrea Schiavone.
Vasari1 hat der 2. Auflage seines Werkes vom Jahre 1568 ziemlich kurze und flüchtige Notizen über
die Künstler Venedigs hinzugefügt. Wie Tintoretto, dem er ein paar Seiten in der Vita des Battista
Franco widmet, schaltet er auch Schiavone in diesem Kapitel ein. Er meint, man müsse ihn den guten
Malern zuzählen, weil ihm durch Zufall einiges gelungen sei, erwähnt, daß sich Bilder von Schiavones
Hand im Privatbesitz befänden, und zählt folgende Bilder in den Kirchen Venedigs auf:

In S. Sebastiano, in der Capella Pellegrini: S. Jacopo con due Pellegrini;

in der Chiesa dei Carmini, mel cielo d'un coro:» eine Himmelfahrt Mariae mit vielen Engeln
und Heiligen; «<? nella medesima chiesa alla cappella della Presentazione ha dipinto Cristoputtino della
madre presentato al tempio con molti ritratti di naturale».

Weiter erzählt Vasari, er habe im Jahre 1540 ein großes Ölbild bei Schiavone bestellt. Es sei die
Schlacht zwischen Karl V. und Barbarossa, jetzt bei den Erben Ottavianos dei Medici, wohin es als
Geschenk des Vasari gekommen sei.

Die Bilder in S. Sebastiano und der Carmine finden sich bei fast allen Autoren wieder und werden
in anderem Zusammenhang besprochen werden. Über das Schlachtenbild gibt es keine weitere Nach-

1 Vasari, ed. Milanesi, Vol. VI: Vita di Battista Franco, p. 596.
XXXI.

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