Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 31.1913-1914

Seite: 221
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LAMBERT SUSTRIS VON AMSTERDAM.

Von

Rudolf Arthur Peltzer.

I. Lebensgeschichte.

en nordischen Künstlern der Renaissancezeit war die große Aufgabe gestellt, den
notwendigen Ausgleich zwischen dem nordisch-gotischen und dem italienisch-
klassischen Kunstempfinden herzustellen. Bewußt oder unbewußt arbeiteten sie alle,
die damals voll Begeisterung für die neue Kunst über die Alpen stiegen, an der
Lösung dieses gewaltigen Problems mit. Das hohe Ziel zu erreichen, gelang freilich
nur ganz wenigen. Die überwiegende Mehrzahl vermochte nicht, über die rein

. äußerliche Nachahmung der neuen Gesetze hinauszukommen und die fremde Schön-

heit mit nordischer Seele zu durchdringen. Zu dieser größten Kategorie der Italienpilger in der ersten
Hälfte des XVI. Jahrhunderts gehören die meisten der sogenannten Romanisten und Manieristen, Männer
wie Mabuse, Heemskerck, Orley, Coxie, Floris, um einige der bedeutendsten zu nennen.

Abseits von diesen aber steht eine kleine Schar von Nordländern, die, den Italienern wesensverwandt,
ihre nationale Eigenart so sehr zu unterdrücken wußten und sich der italienischen Kunst bis zu dem
Grade assimilierten, daß ihre Schöpfungen heute nur schwer von denen ihrer Lehrmeister zu trennen
sind. Ein untilgbarer Rest nordischen Wesens ist zwar auch bei ihnen vorhanden, aber er ist so gering
geworden, daß scharfes Zusehen erforderlich ist, ihn wahrzunehmen. Es sei nur etwa an den nieder-
deutschen Maler Jan Stephan van Calcar erinnert, von dessen Werken schon Vasari äußerte, sie seien
nicht als niederländisch zu erkennen, und die Goltzius nicht von denen Tizians unterscheiden
konnte. Von ihren Stammesgenossen in der Heimat vergessen, von den Italienern als Fremde wenig
beachtet, sind diese Künstler in der unermeßlichen Fülle italienischer Künstlernamen fast spurlos ver-
schwunden.

Zu diesen ganz italianisierten «Flamen» zählt auch der Holländer Lambert Sustris, ein Maler
von hohem Range, der eine große koloristische Begabung mit einem seltenen, ganz unnordischen Schön-
heitsgefühl und mit reicher Phantasie verband. Wenn sein Ruhm heute verblaßt ist, so sind daran
allerlei Umstände schuld; einmal befinden sich die wichtigsten seiner wenigen bisher bekannten Werke
in selten besuchten Provinzmuseen Frankreichs — während die unbekannten unter italienischer Flagge
segeln — dann aber leidet der Nachruhm des Künstlers unter der ständigen Verwechslung mit anderen
Malern ähnlichen Namens, die auch zur Folge hatte, daß die gute alte Überlieferung fast ganz verdunkelt
wurde.

Von den meisten älteren und neueren Autoren wird nämlich Lambert Sustris mehr oder minder
zusammengeworfen mit dem gleichzeitigen Maler Lambert Lombard von Lüttich,1 der irrtümlich
auch Sutermann genannt wird, ferner mit dem Kupferstecher und Architekten Lambert Suavius,
gleichfalls aus Lüttich, und schließlich mit seinem Sohne Friedrich Sustris. Auf diese heillose Ver-
wirrung in der Literatur des näheren einzugehen, dürfte überflüssig sein.2 Läßt man aber die späteren

1 Die Verwechslung des Lombard mit Sustris wird durch das Fehlen sicher beglaubigter Werke des ersteren erleichtert.

2 An dieser Konfusion ist vor allem Sandrart schuld, der von drei Brüdern, Lambertus, Fridrich und Johann Susterus,
spricht, «so der berühmte Christoph Schwarz in der Mahl-Kunst unterrichtet; der erste war der fürnehmste in Historien,

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